Leseprobe: Tot im Paradies

Titel
Tot im Paradies

von
Kristine Weitzels

Copyright © 2015 Kristine Weitzels
Alle Rechte vorbehalten.
Kristine Weitzels ist ein eingetragener Markenname
Nr. 30 2015 209 301 DPMA

Cover: Xine Blossom Fantasies
(unter Verwendung der Bilder: shutterstock_143623438 & pixabay ocean-972055_1280)
Gestaltung & Satz: Xine Blossom Fantasies
Lektorat: Jan Oede & Tessie ter Zwilnik
mailto: kristine@xine.de
www.facebook.com/kristine.weitzels
www.twitter.com/BirdieXine
www.xine.de

captatio benevolentiae

In einem Kosmos voller unendlicher Unendlichkeiten,
wäre diese Geschichte nur eine Möglichkeit von unzähligen,
aber nichtsdestotrotz eine reale.
>< für Øsel ><
Über die Autorin

Kristine Weitzels, geboren 1964, schreibt seit ihrer Kindheit Geschichten. Weil aber nur wenige Schriftsteller von dieser Tätigkeit auch leben können, arbeitete sie zunächst 22 Jahre in der Textilbranche als selbständige Unternehmerin. 1995 schrieb sie dann in ihrer Freizeit ihren ersten Unterhaltungsroman »Spanier zum Frühstück«. 2007 sagte sie der Textilbranche Lebewohl und legte ein Jahr später die Prüfung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie ab.
Ihre Ausbildungen in Rückführungsbegleitung erhielt sie u.a. bei Dr. Jan Erik Sigdell und „The Newton Institute“. Außerdem absolvierte sie mehrere Aus- und Fortbildungen in verschiedenen psychotherapeutischen Methoden: u.a. Familienstellen bei Bert Hellinger, Personenzentrierter Beratung nach Carl Rogers, psychotherapeutische Aufstellungsarbeit (Trauma-Therapie) bei Prof. Dr. Franz Ruppert, Matrix Energetics bei Dr. Richard Bartlett. Seit 2009 führt Kristine Weitzels den Titel Reinkarnationstherapeutin.
2011 erschien ihr erstes Sachbuch auf dem Gebiet der Reinkarnationstherapie »Erzählende Seelen«. Mittlerweile hat sie, als freie Autorin und Bloggerin, mehrere Sach- und Unterhaltungsromane, sowie 3 CDs veröffentlicht. Ihre Blogs erscheinen wöchentlich auf ihrer Homepage www.xine.de und ihrer facebook-Seite www.facebook.com/kristine.weitzels

Vorwort der Autorin

Während einer Rückführung in frühere Inkarnationen, biete ich meinen Klienten auch immer die Möglichkeit, das zu erfahren und zu erleben, was ihre Seele macht, wenn sie nicht inkarniert ist: Wo hält sich die Seele dann auf? Wie sieht es dort aus? Wie geht es der Seele dort und was erlebt sie dort? Eine Rückführung bei mir endet also nicht mit dem Tod in einem früheren Leben, sondern mit dem Blick ins Jenseits! Basierend auf den Erzählungen meiner Klienten und meinen eigenen Erfahrungen, während meiner eigenen Rückführungen, habe ich dieses Buch geschrieben. Es liefert zudem auch eine mögliche Erklärung dafür, warum so viele Menschen eine unterschiedliche Vorstellung vom Jenseits oder dem Leben nach dem Tod haben und warum sie dennoch alle Recht haben könnten. Nichtsdestotrotz ist dieses Buch aber in erster Linie ein Unterhaltungsroman.

Kapitel 1

Realität ist eine Illusion,
allerdings eine sehr hartnäckige.
Albert Einstein

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Tot im Paradies
Natürlich ist es ein Pleonasmus. Es muss einfach ein Pleonasmus sein. Die Aussage tot zu sein, impliziert automatisch die Tatsache, dass ich im Paradies sein muss. Die Überschrift könnte also genauso gut lauten: „Im Paradies“.
Jeder weiß doch, dass ein Rappe schwarz ist. Es erübrigt sich die Addition der Farbe. Jeder weiß doch, dass wenn man sich im Paradies befindet, man zuvor gestorben sein muss. Natürlich ist hier die Rede vom wahren Paradies und keinem Pseudoparadies wie dem Club Med oder irgendeinem 5 Sterne Luxus-Ferien-Resort.
Natürlich könnte die Überschrift auch „In der Hölle“ lauten. Jeder weiß doch, dass wenn man sich in der Hölle befindet, man zuvor ebenfalls gestorben sein muss. Natürlich ist hier die Rede von der wahren Hölle und keiner Pseudohölle. Mir fällt nur der passende Vergleich dazu auf Anhieb nicht ein.
Jedem das Seine und einen freien Geist. Ich für meinen Teil bevorzuge „Tot im Paradies“, statt „Im Paradies“. Pleonasmus hin oder her. Und weil mein Geist zu Lebzeiten nicht vom Glauben irgendeiner Religion verkorkst wurde, bin ich jetzt auch genau da, wo ich selbst sein wollte: im Paradies und nicht in der Hölle. Stopp. Den letzten Satz muss ich noch einmal überdenken. Denken geht ganz gut. Ich dachte: und weil mein Geist zu Lebzeiten… .
Lebzeiten trifft es aber nicht so ganz, denn genaugenommen (genau, es muss genaugenommen heißen und nicht eigentlich), lebe ich noch immer. Mein Verstand ist messerscharf, nur meine Füße sind jetzt größer.
Also ist „Tot im Paradies“ doch nicht die adäquate Definition? Stopp, denke ich wieder. Meine humane Hülle ist tot, mein Geist lebt.
Ist es der Geist oder die Seele? Oder beides. Oder ist es Jacke wie Hose? Ist es Wortklauberei? Und — hat dieser feinstoffliche Körper überhaupt noch so etwas wie einen Kopf, mit einem Gehirn?
Wenn ich denke und das tue ich gerade, womit denke ich, wenn ich keinen Kopf habe oder noch schlimmer — kein Gehirn?
Weil ich mich nicht traue, mit meinen Händen nach oben zu fassen, dahin wo der Kopf sitzen müsste, weil dazu müsste ich zuerst einmal herausfinden, ob ich überhaupt Hände habe, schiele ich weiter in Richtung Boden — dahin wo meine Füße sind. Die Füße sehe ich schon die ganze Zeit.
Heißt das, ich halte den Kopf gesenkt?

Ich weiß es nicht. Ich sehe ein paar Füße. Im wahrsten Sinne des Wortes SEHE ich sie. Es ist definitiv mehr als nur eine Wahrnehmung.
Wie sagte der Reinkarnationstherapeut damals zu mir? „Und nun werfen Sie zuerst einen Blick auf Ihre Füße und sagen Sie mir, was Sie wahrnehmen.“
Allerdings sehe ich Plattfüße, noch dazu ziemlich große.
Die können unmöglich von dir sein, denke ich zu mir selbst. Oder vielleicht stimmt ja auch etwas mit meinen Augen nicht? Eine anderes Bild brennt sich gleißend in meine Gedanken: Vielleicht hast du ja noch einen Körper, aber eben total entstellt, und die riesigen Plattfüße sind nicht das einzig Abartige.
Es hilft alles nichts! Um Klarheit zu bekommen — und das ist irgendwie paradox, immerhin sehe ich — bewege ich nun meine Hände, sodass sie in meinem Blickfeld erscheinen. Dabei denke ich nicht, ich tue es einfach und schlucke nervös. Meine riesigen Füße werden nun fast von zwei Händen verdeckt. Meine Hände sehen aus wie immer. Schnell zähle ich die Finger: 10. …aber das Schlucken war irgendwie komisch.
Bevor der Mut mich verlässt, greife ich mit den Händen dahin, wo der Kopf sein müsste. Er ist da! Da wo er hin gehört, inklusive Hals und Ohren. Er scheint auch nicht deformiert oder zu klein oder zu groß. Selbst meine langen Haare spüre ich irgendwie, auch wenn ich sie nicht wirklich fühlen kann. Das ist wieder paradox. Aber ich weiß jetzt, dass meine Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden sind. Und wenn ich meine Augen, in den Augenhöhlen, ganz nach unten und ganz nach rechts drehe, erkenne ich auch den dunkelbraunen Zipfel meines Pferdeschwanzes, der über meine Schulter auf meine Brust fällt. Erleichtert atme ich auf. Das Atmen ist genauso komisch wie vorhin das Schlucken. Aber darüber will ich jetzt einfach nicht nachdenken. Stattdessen tastet meine Zunge automatisch nach der kleinen Lücke, zwischen meinen beiden, oberen Vorderzähnen. Das mache ich immer, wenn ich nervös bin. Die Lücke ist da. Ich spüre sie genauso, wie ich meine Haare spüre.
»Alles ist gut, bis auf die Plattfüße«, sagt mein Verstand, obwohl ich ihn nicht um seine Meinung gefragt habe. Aber so ist er nun mal. Naja, denke ich, Schwimmhäute zwischen den Fingern oder ein drittes Auge auf der Stirn, wären schlimmer gewesen.

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Ich bewege mich. Hebe meinen Kopf, drehe mich. Mein Blick schweift nun in die Ferne. Ich sehe Palmen, Sand und Meer. Es ist schön hier, genauso wie ein Paradies zu sein hat. Nur der Himmel ist milchig-trüb. Ich gehe davon aus, dass es sehr warm sein muss, immerhin stehen hier Palmen, auch wenn ich die Wärme nicht wirklich fühle. Vielleicht ist die Temperatur im Paradies ja eher neutral — oder einfach nicht vorhanden? Irgendwie will ich darüber aber jetzt auch nicht nachdenken. Genauso wenig wie über das Schlucken und das Atmen.
Meine Füße hinterlassen im feinen, makellosen Sandstrand plumpe Abdrücke. Vielleicht sollte die Überschrift ja „Bigfoot im Paradies“ lauten? Hm, mein Humor scheint jedenfalls auch nicht verloren gegangen zu sein.
Das Meer ist sanft. Ich gehe ein paar Schritte auf das Wasser zu. Zärtlich umspült es meine Füße und lässt diese dabei noch größer aussehen. Das Wasser kommt mir jedoch vor wie Milliarden und Abermilliarden von winzig kleinsten, blau-grün schimmernden Liebesperlchen.
»Es sind Moleküle«, sagt mein Verstand.
Für mich sind es Perlchen, denke ich. Liebesperlchen. Die Liebesperlchen schmiegen sich statisch aneinander und formen einen Ozean. Ich trete wieder aus dem Ozean — dem Meer — heraus. Die Perlchen perlen allesamt von meinen Füßen ab und vereinen sich wieder mit dem großen Kollektiv, das den Ozean formt.
Ich wende meinen Blick wieder von meinen seltsamen Füßen und dem seltsamen Wasser ab. —Alles Dinge, über die ich noch nicht nachdenken möchte.
Mein Blick schweift erneut in die Ferne. Jetzt sehe ich ein Strandhaus unter den Palmen.
Vielleicht bin ich ja doch nicht tot und dies ist doch der Club Med?

Vor dem Strandhaus läuft komischerweise ein Huhn.
Wie kommt das Huhn hierher? Ist es auch gestorben? Hatte es denselben Wunsch wie ich — sein „tot sein“ betreffend?
Das Strandhaus ist das einzige Anzeichen von Zivilisation. Wege gibt es nicht, nur Sand. Der Sand ist allerdings so leicht und filigran wie kleine, feine Schnipsel aus hauchdünnem Plastik. Und wie auch schon das Wasser, erscheint der Sand mir statisch. Aber jedes Mal, wenn ich einen Fuß aus dem Sand hebe, bleibt kein einziges „Sandkorn“ daran kleben.
»Nun, betrachte es von der positiven Seite«, sagt mein Verstand. »Was das Wasser betrifft, spart es dir das Abtrocknen und was den Sand angeht, schleppst du ihn zumindest nicht ins Haus!«
Ich habe jedoch beschlossen, meinen Verstand vorerst zu ignorieren. Eine reine Schutzmaßnahme. Ich gehe nun in Richtung des Strandhauses. Vielleicht ist es ja doch ganz gut, dass mit den Plattfüßen, denn ich stelle überrascht fest, dass sich mit den Dingern auf dem Sand ganz gut laufen lässt. Bestimmt kann man damit auch viel schneller schwimmen. In High Heels werde ich zwar damit nicht mehr passen, aber wer braucht die schon, wenn es überall nur Sandstrand gibt?

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Wenn es warm ist, muss es auch eine Sonne geben und wo es eine Sonne gibt, gibt es auch Schatten — meinen eigenen Schatten, denke ich. Ich sehe aber keinen Schatten und genaugenommen weiß ich auch nicht, ob es wirklich warm ist!
»Das ist so, weil es im Paradies keine feste Materie gibt. Jedenfalls nicht in dem Sinne, wie du Materie von der Erde her kennst«, sagt mein Verstand. »Deshalb auch das komische Schlucken, der komische Sand und der komische Ozean?«, frage ich in Gedanken zurück, bewege dabei aber die Lippen — so, als ob ich mich mit einer realen Person unterhalten würde. Ich spüre, dass mein Verstand auf die Frage hin nickt. Das ist nicht nur paradox, das ist schon durch und durch gaga: spüren das der eigene Verstand nickt!
—Und warum muss mein Verstand nur immer so gnadenlos ehrlich sein? Genau deshalb wollte ich ihn doch eigentlich ignorieren! Intuitiv habe ich ihm dann aber wieder geantwortet. So war das schon immer zwischen uns!
Irgendwie schockiert mich auch die Tatsache, keinen Körper aus Fleisch und Blut mehr zu haben. Und ich spüre auch, dass ich (noch) keine Lust habe, mich damit auseinanderzusetzen. Trotzdem bin ich meinem Verstand nicht wirklich böse. Ich bin froh, dass mein Verstand noch da ist. Irgendwie ist er gerade nämlich das einzig vertraute.
Zwar hat mein „Ich“ hier durchaus menschliche Umrisse, aber die feste Materie eines Körpers, wie auf der Erde, fehlt. Mir kommt ein weiterer Gedanke: Vielleicht habe ich ja deshalb so große Füße, damit diese mich am Boden halten. Denn auch hier gibt es etwas, das so ähnlich funktioniert wie Schwerkraft. Deshalb perlt auch das Wasser an meinen Füßen ab, genauso wie der Sand.
»Schwerkraft ist das, was die Lebewesen auf der Erde daran hindern soll, in die vierte Dimension zu reisen.«
Dieser Satz ist plötzlich in meinem Kopf. Mein Verstand hat ihn dort hingebracht. Ich habe ihn schon früher gehört, als Theorie. Nun weiß ich, dass er stimmt.
Vielleicht habe ich hier ja deshalb so große Füße, damit ich nicht von hier verschwinden kann? Vielleicht halten mich diese Füße ja an diesem Ort, damit ich nicht reise? Aber wohin sollte ich reisen? Gibt es noch andere Dimensionen als die von 1 bis 4 und dieser hier? Ob das Huhn auch größere Füße hat?
Ich spüre, wie mich das Huhn immer mehr interessiert. Mir fällt ebenfalls auf, dass meine Erscheinung hier eine jüngere Ausgabe meines Selbst ist. Viel jünger. Vielleicht so, wie meine humane Hülle mit 19 oder 20 Jahren auf der Erde aussah. Vielleicht sogar noch ein bisschen besser. Ein bisschen größer, ein bisschen athletischer. Plötzlich finde ich die Plattfüße gar nicht mehr so schlimm. Der Rest wiegt die Füße auf.
Dann stehe ich vor dem Huhn. Seine Füße sehen normal aus. Allerdings ist es ein sehr dickes Huhn. Trotzdem ist es auch ein sehr schönes Huhn. Sein Gefieder ist schokoladenbraun und es hat einen wohlgezackten, grellrot leuchtenden Kamm und niedliche kleine, rote Kehllappen. Die Farben sind intensiv, trotz der fehlenden „Materie“. Das Huhn pickt imaginäres Futter von einem Stück Grün, unter einem der Fenster des Strandhauses.
Das Strandhaus — jede Wette, dass ich weiß, wie es im Inneren aussieht!

Ich steige die drei Stufen zur überdachten Veranda empor und einen Moment befürchte ich, dass die Stufen mich nicht tragen und meine Füße einfach durch sie hindurchgleiten wie durch Zuckerwatte. Nichts dergleichen geschieht. Auf der Veranda steht ein sehr gemütlich aussehender Schaukelstuhl. Einem Impuls folgend setze ich mich hinein. Ich blicke auf das türkisschimmernde Meer. Obwohl das Wasser sich sanft bewegt, vernehme ich nicht seine gewohnte Musik. Kein leises Meeresrauschen erreicht meine Ohren. Ich lausche angestrengt, doch im Paradies herrscht Totenstille.
Ich traue mich auch nicht zu rufen. Stattdessen denke ich an das komische Schlucken.
Schlucken ist ein Reflex, den du hier nicht mehr benötigst.
»Genauso wenig wie das Klimpern mit den Augenlidern oder das Atmen«, fügt mein Verstand meinen Gedanken hinzu.
Manchmal wünsche ich mir, mein Verstand müsste nicht ständig das letzte Wort haben. Ich seufze — und traue meinen Ohren kaum! War das nur Einbildung oder habe ich diesen Seufzer gerade wirklich gehört? Und warum gibt mein Verstand immer nur dann seinen Senf dazu, wenn er nicht gefragt wird? Warum sagt er jetzt nichts?
Ich seufze noch einmal. Da — wieder! Jetzt bin ich mir ganz sicher, das Seufzen gehört zu haben. Mein Herz hüpft vor Freude. Es lebt, obwohl es eindeutig nicht mehr schlägt. Auch das ist wieder paradox. Aber warum höre ich mein Seufzen und nicht auch die Brandung?
Ich erinnere mich daran, wie eine sanfte Meeresbrandung klingt. Immerhin habe ich jahrelang an einer Strandpromenade gewohnt und dieses wunderschöne Geräusch niemals vergessen. —Wohl danach für den Rest meines Lebens schmerzhaft vermisst.
In meiner Erinnerung erklingt das leise Plätschern einer ruhigen See, die sanft an auslaufende Ufer schwappt. ―Plötzlich ist es da, das Geräusch, nicht nur in meiner Erinnerung! Plötzlich höre ich auch das Knirschen der Holzkufen des Schaukelstuhls, auf den Holzbohlen der Veranda. Plötzlich spüre ich auch die leichte Brise. Plötzlich spüre ich angenehme Wärme. Es ist alles da — in meinen Erinnerungen. Ich musste diese Erinnerungen nur frei-las-sen.
Ich spüre Erleichterung und Glück. Erleichterung nicht nur wegen der Erkenntnis, sondern auch, weil ich wirklich etwas spüre. Vielleicht fühle ich nicht. Fühlen im Sinne von Tasten. Aber ich spüre. Ich spüre deutlich die Wärme und die Freude darüber. Und was noch viel wichtiger ist: Ich spüre die Freude darüber, dass ich noch Gefühle habe, auch wenn ich nicht fühlen kann.

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Meine Gedanken kehren zurück zum Interieur des Strandhauses. Ich kenne das Haus. Ich weiß, dass dort ein kleiner, giftgrüner Gecko wohnt. Der Gecko hat ein kleines Bett, dessen Gestell einmal eine Bastverpackung für Cherry-Tomaten war. Getrocknetes Gras und Moos dienen als Matratze. Das Bettchen steht auf einem Nachttisch. Der Nachttisch befindet sich rechts von einem großen Bett, vom Fußende aus betrachtet. An der rechten Seite befinden sich auch ein offener Kamin, mit einem Ohrensessel davor und ein kleiner Schreibtisch. Das Bett dominiert jedoch das kleine Strandhaus. Wenn man in dem Bett liegt, kann man durch die geöffnete Doppeltür hinaus aufs Meer blicken. Links von Bett, immer vom Fußende aus betrachtet, stehen ein Kleiderschrank und ein großes Bücherregal. Links geht es auch in eine kleine Küche. Die Küche hat ein Fenster, durch das man ebenfalls das Meer sieht. Vor dem Fenster stehen zwei Barhocker und die Fensterbank ist so breit, dass sie als Theke dient. Man kann auf den Hockern sitzen, sein Essen essen, und durch das Fenster das Meer beobachten.
»Wozu brauchst du eine Küche, wo du doch keine Nahrung mehr brauchst?«, meldet sich mein Verstand zu Wort und mir entgeht nicht sein sarkastischer Unterton. Ich verzichte darauf, ihm eine Antwort zu geben. Es gibt sogar ein Bad — und bevor mein Verstand auch dazu wieder eine Bemerkung parat hat, stehe ich auf und betrete das Haus!
Alles ist so, wie von mir in Gedanken ausgemalt.
»Na, was sagst du jetzt!«
Die Worte formuliere ich laut, aber in Gedanken. Das ist kein Pleonasmus, das ist einfach nur wieder ein Paradox.
Wenn ich keine Küche brauche — und kein Bad, warum sind die beiden Räume dann vorhanden? Auch das ist paradox. Diesmal ist es mein Verstand, der mir die Antwort schuldig bleibt. …Und warum stehen in der Küche zwei Hocker, wo ich hier doch ganz alleine bin!
Ich sehe das kleine Bettchen des grünen Gecko. Ich sehe das große Bett, welches in Zukunft das meine sein wird. Fast rechne ich damit, dass mein Verstand sich wieder meldet und sich über das Bett lustig macht: Wozu brauchst du ein Bett? Du wirst eh nicht schlafen. Nur der Organismus eines materiellen Lebewesens, aus Fleisch und Blut, und die Betonung liegt dabei auf „Lebe“ und nicht auf „Wesen“, benötigt Schlaf! Doch mein Verstand hält die Klappe.
Über dem Bett hängen ein großer Ventilator und ein Moskitonetz. Aber jetzt — mein Verstand lacht!
»Wozu brauchst du den Wapper an der Decke? —Und ein Moskito wird deine blutleeren Neutrinos wohl auch nicht mehr piesacken. Ganz abgesehen davon, dass ich bezweifle, dass es hier überhaupt so etwas wie Moskitos gibt!«
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass mein Verstand hier ein merkwürdiges und äußerst spitzzüngiges, ja fast schon penetrantes Eigenleben entwickelt. Jedenfalls kommt er mir hier noch präsenter vor als früher!
»Es gibt ein Huhn und einen Gecko, warum soll es hier also nicht auch Moskitos oder andere Lebewesen geben?«, frage ich zurück. Aber ich warte die Antwort nicht ab. Mein Verstand hat noch etwas anderes gesagt, das viel interessanter ist: Er hat mich als Neutrinos bezeichnet! Da war doch was, denke ich.
Fieberhaft suche ich in meinen Erinnerungen. Schließlich habe ich es gefunden: Neutrinos haben eine feste Materie, und dennoch sind sie in der Lage, selbst Planeten zu durchdringen.
Irgendwer hat irgendwann einmal den Nobelpreis für diese Entdeckung bekommen und weil ich mich zu „Lebzeiten“ auch ein wenig für Quantenphysik interessierte, weiß ich das. —Immerhin war ich mal mit einem Physiker verheiratet gewesen.
Ist es das, was ich jetzt bin? Ein Haufen Neutrinos, der die Kraft hat, mein ehemaliges, menschliches Erscheinungsbild mit Hilfe von Molekülen widerzuspiegeln? Wenn ja, was heißt das? Was bedeutet das für mich?
»Die Frage sollte lauten: Was bedeutet dies für die Gesamtheit des Kosmos«, bemerkt mein Verstand in trockenem Ton.

Kapitel 2

Plötzlich spüre ich, dass ich unglaublich müde bin. Ich sinke auf das Bett und augenblicklich schlafe ich ein. In Gedanken höre ich noch, wie mein Verstand mich wieder korrigiert und sagt: »Du schläfst nicht ein, du träumst weg. Nur der Organismus eines materiellen Lebewesens, aus Fleisch und Blut, und die Betonung liegt dabei auf „Lebe“ und nicht auf „Wesen“, benötigt Schlaf!«
Also gut, ich träume. Ich träume, dass ich lebe. Ich lebe in einem sehr heißen Land. Ich bin ein junger Eingeborener. Ich bin neugierig. Ich beobachte gerade aus einem Versteck heraus eine Gruppe von Männern, die so ganz anders aussehen wie ich. Sie sind ganz bleich. Einer von ihnen hat rote Haare und ein lustig gesprenkeltes Gesicht. Ein anderer hat goldfarbene Haare und Augen, die so blau sind wie der Himmel. Er ist wunderschön und er scheint ihr Häuptling zu sein. Die Männer verhüllen ihre Körper — trotz der Hitze. Besonders ihre Beinhüllen finde ich merkwürdig. Ich halte mir die Hand vor den Mund, um nicht laut loszulachen und mich dadurch zu verraten. Ihre Beinhüllen sind an den Außenseiten der Oberschenkel lustig weit ausgestellt, aber unterhalb der Knie werden sie ganz eng. Dazu tragen die Männer große, braune Kopfbedeckungen. Ich habe noch nie zuvor jemanden gesehen, der seinen Körper verhüllt und ich habe kein Wort dafür. Aber ich weiß, woraus das gemacht ist, worin ihre Füße stecken: es ist gegerbte Tierhaut. Ich bin mir sicher, die Männer müssen darin sehr schwitzen!

Die Männer haben außerdem mehrere riesengroße …wieder fehlt mir das Wort dafür. Aber es ist aus Holz und es hat ein Dach, das aus demselben Zeug ist wie die Körperhüllen. Irgendwie ähnelt es einer Behausung, aber man kann es bewegen. Dazu haben die Männer Tiere dabei, die aussehen wie graue Zebras. Die Männer reden in einer Sprache, die ich nicht verstehe und was sie essen wird in Behältern aufbewahrt, die in der Sonne magisch glitzern! Sie öffnen es mit einem scharfen Werkzeug, das aus einem Stück Holz herausspringt. Dieses scharfe Werkzeug glitzert ebenfalls in der Sonne. Nachdem die Männer den Inhalt der glitzernden Behälter verspeist haben, schmeißen sie sie achtlos weg. Die Behälter sind gefährlich. Letzte Nacht, als die Fremden schliefen, habe ich mich in ihr Lager geschlichen und einen der Behälter angefasst. Dabei habe ich mich in den Finger geschnitten. Außerdem stinkt der Inhalt bestialisch! Wie kann man so etwas nur essen?
Zeitsprung: Ich verbringe viel Zeit mit dem Beobachten der Fremden, obwohl mein Dorf einen halben Tagesmarsch entfernt liegt. Aber ich bin ein schneller Läufer und im Dorf vermisst mich auch niemand. Ich habe keine Pflichten, so wie meine beiden älteren Brüder. Solange ich keine Familie habe, die ich versorgen muss, kann ich tun, was ich will.
Die Männer haben auch etwas, in dem sie das Feuer einfangen können. Bei Dunkelheit erhellt ihnen das gefangene Feuer dann den Weg und ihr Lager. Jeden Morgen bereiten die Fremden über ihrer Feuerstelle zudem einen Trank zu. Im Gegensatz zu ihrem Essen duftet der Trank köstlich. Es ist eine dunkle Flüssigkeit. Ich glaube, es muss so etwas wie ein Zaubertrank oder Kraftelixier sein, denn die Männer trinken es jeden Morgen. Zudem kommt mir die Zubereitung wie eine Zeremonie und das Trinken wie ein Ritual vor. Ich bin mir ganz sicher, dass es sich um einen Zaubertrank handelt! So etwas wie unser Medizinmann manchmal zusammenbraut, bevor einer von uns das erste Mal alleine zum Jagen in den Wald muss.
Ich bin hin und her gerissen, zwischen meiner kaum zügelbaren Neugierde, diesen Trank betreffend, und meinen Bedenken darüber, was diese Männer mit mir machen könnten, falls sie mich entdecken. Der Mann mit den roten Haaren trägt etwas über seine Schulter, dass wie ein langes Stück poliertes Holz aussieht. Und wahrscheinlich ist es auch aus Holz. Aber es ist magisches Holz, denn wenn man es auf ein Tier richtet, erzeugt es einen lauten Knall und das Tier fällt tot um. Es muss eine Waffe sein, ähnlich wie ein Holzspeer, nur viel mächtiger! Einmal habe ich gesehen, wie der rothaarige Mann mit dem magischen Holz einen Eber erlegte, der sich an den glitzernden Behältern mit den Essensresten zu schaffen machte. Es war auch das einzige Mal, dass ich die Männer habe Fleisch essen sehen, als sie den Eber anschließend über dem Feuer zubereiteten.
Ich frage mich, woher diese Männer kommen. Warum sind sie hier? Einige von ihnen fangen Tiere, aber für gewöhnlich nicht, um sie zu essen. Andere, wie auch der Mann mit den goldenen Haaren, schauen den ganzen Tag durch etwas, dass sie vor ihre Augen halten. Ich glaube, sie beobachten damit die Tiere. Der Mann mit den goldenen Haaren beobachtet am liebsten die Vögel und zeichnet sie dann auf große, weiße Blätter, die ebenfalls in gegerbte Tierhaut eingebunden sind. Noch nie habe ich so etwas Schönes gesehen. Einmal saß ich in einem Baum, genau über dem goldenen Mann, und sah, wie er eine Pflanze auf eines der weißen Blätter zeichnete. Danach schnitt er die Pflanze ab und presste sie zwischen zwei andere weiße Blätter.

Zeitsprung: Ich war nun schon einige Tage nicht mehr im Dorf und beschließe zurückzulaufen, bevor mich doch noch jemand vermisst. Als meine Neugier, nach ein paar Tagen im Dorf jedoch wieder überhandnimmt, laufe ich erneut zum Lager der Fremden. Im Dorf gibt es zudem ein Mädchen. Ich glaube, sie hätte mich gerne zum Mann. Ich bin aber noch nicht bereit dafür. Ich bin noch nicht bereit, alleine ein großes Raubtier zu erlegen, nur mit einem Holzspeer. Viele meiner Brüder kamen dabei ums Leben. Doch nur wer es schafft, ein Raubtier zu töten und selbst überlebt, darf sich eine Frau nehmen. Ich frage mich wozu? Alle Männer die eine Frau haben, sind den ganzen Tag nur noch damit beschäftigt, Essen herbeizuschaffen. Frauen bekommen ständig Kinder und ihre Männer sind deshalb ständig auf der Jagd. Jagen ist gefährlich. Ich ernähre mich deshalb lieber von den Früchten der Bäume und von Insekten. Ich glaube, das Mann sein ist nichts für mich und deshalb fühle ich mich im Dorf auch unwohl. Viel lieber bin ich hier draußen bei den Fremden. Doch als ich zu ihrem Lager komme, scheint etwas passiert zu sein. Etwas, dass mit dem Essen in den glänzenden Behältern zusammenhängt.
Ich begreife schnell, dass das Essen verdorben ist. Meiner Meinung nach kann es nie gut gewesen sein, so wie es gestunken hat! Einer der Männer hat anscheinend erst vor kurzem einen Affen gefangen. Ich verstehe nicht, warum sie sein Fleisch nicht essen. Affen schmecken gut. Stattdessen hat ein anderer von ihnen Früchte gesammelt. Soweit ich sehen kann, sind es alles essbare Früchte — auch wenn eine dieser Früchte nicht sonderlich gut schmeckt. Ich glaube, die Männer wissen aber nicht, dass die Früchte essbar sind, deshalb zögern sie. Sie haben Angst, die Früchte könnten giftig sein. Gespannt verfolge ich, was die Männer als nächstes tun. Der Mann mit den goldenen Haaren nimmt schließlich eine der Früchte, schneidet sie entzwei, riecht daran und kostet vorsichtig. Es ist die Frucht, die nicht sonderlich gut schmeckt. Am liebsten würde ich ihm zurufen, dass er die große, leuchtendgelbe Frucht, mit der stacheligen Haut, kosten soll. Sie schmeckt nicht nur gut, sondern hilft auch bei Krankheiten. Stattdessen nimmt der Mann nun eine Handvoll dunkler Beeren. Die Beeren hatte ich bislang nicht gesehen. Sie sind hochgiftig. Instinktiv presche ich aus meinem Versteck, dabei schreie und gestikuliere ich wild. Dann bin ich bei dem Mann mit den goldenen Haaren und schlage ihm die Beeren einfach aus der Hand. Dann höre ich einen ohrenbetäubenden Knall und dann wird alles dunkel.
Als ich wieder zu mir komme, tut mein Kopf höllisch weh. Ich fasse zu meinen Kopf und fühle dort etwas Weiches. Im selben Augenblick sehe ich das Gesicht des Mannes mit den goldenen Haaren über mir. Er spricht zu mir in der Sprache, die ich nicht verstehe. Aber er spricht in ruhigem Ton. Er berührt mich sanft an der Schulter und dabei lächelt er. Alles ist gut, denke ich. Was auch immer passiert ist, alles ist gut. Dann wird alles wieder dunkel. Als ich erneut zu mir komme, sind die Schmerzen in meinem Kopf schon etwas besser geworden. Der Mann mit den goldenen Haaren gibt mir Wasser zu trinken. Er stützt dabei meinen Rücken mit seiner Hand, sodass ich mich aufrichten kann. Ich liege in ihrem Lager beim Feuer. Es ist dunkel. Sie haben mir eine Schlafstätte aus dem Zeug gemacht, aus dem auch ihre Schlafstätten gemacht sind. Die Unterlage kratzt ein wenig, aber das ist egal. Ich bin jetzt bei den Fremden und ich lebe noch. Sie sind mir freundlich gesinnt, vor allen Dingen der goldene Mann.

Zeitsprung: Ich bin nun schon mehrere Tage im Lager der bleichen Männer. Ich habe verstanden, dass einer von ihnen mich mit dem magischen Holz verletzt hat. Ich habe Glück gehabt, denn ich wurde nur leicht am Kopf getroffen. Der goldene Mann nennt das magische Holz „Flinte“. Flinte ist das erste Wort ihrer Sprache, das ich gelernt habe. Und ich habe ihren magischen Trank kosten dürfen. Sie nennen es „Tee“. Es hat einen sehr starken, ungewöhnlichen Geschmack, aber mit ein wenig von dem weißen Pulver, dass die Männer ebenfalls mitgebracht haben, wird es ganz süß. Ich liebe süßen Tee und ich liebe das weiße Pulver, das sich „Zucker“ nennt. Flinte, Tee, Zucker. Ich habe den Männern gezeigt, welches Obst essbar ist und welches nicht. Ich habe ihnen auch Pilze, Insekten und Würmer gezeigt, die ebenfalls essbar sind. Doch bis auf den goldenen Mann, ekeln sich die Männer vor den Insekten und Würmern und sie wollen sie auch nicht essen. Also habe ich dem rothaarigen Mann gezeigt, wo es noch mehr Eber gibt und habe zugesehen, wie er mit der Flinte einen weiteren Eber getötet hat. Diesmal hatte ich mir zuvor aber die Finger in die Ohren gesteckt. Wenn meine Brüder doch nur eine einzige Flinte hätten, um wie vieles einfacher würde dann ihr Leben?
Komischerweise haben alle Männer den gleichen Namen: Herr. Ich spreche sie nun auch mit Herr an. Nur der Mann mit den goldenen Haaren wird in meinen Gedanken immer den Namen „goldener Mann“ tragen. Er ist mir sehr sympathisch. Ich habe ihm auch meinen Namen gesagt, doch irgendwie gefiel er ihm nicht. Der goldene Mann hat mir einen neuen Namen gegeben: Boy. Ich mag den Klang dieses Namens. Der Name klingt schön: Boy.

Zeitsprung: Wir sitzen am Lagerfeuer. Der goldene Mann und ich. Es ist spät und die anderen haben sich schon zum Schlafen hingelegt. Der goldene Mann spricht mit mir. Ich begreife schnell, was er mir zu sagen versucht. Die Männer wollen aufbrechen. Ich verstehe nicht wohin, aber ich nehme an, sie wollen dahin zurück, wo ihr Zuhause ist. Ich begreife, dass der goldene Mann mich einlädt mit ihm zu kommen. Ohne zu zögern, nicke ich. Ohne noch einmal in mein Dorf zurückzukehren, helfe ich den Männern am nächsten Morgen ihr Lager abzuschlagen. Ohne noch einmal zurückzublicken, folge ich ihnen.
Jetzt weiß ich auch, wozu die riesigen, hölzernen Behausungen dienen. Die Männer nennen es „Wagen“, welche jetzt von den grauen Zebras gezogen werden. In den Wagen haben die Männer ihre Habe verstaut. Darunter auch Pflanzen mitsamt Erde, Steine, getrocknete Früchte oder deren Samen, aber auch lebende Tiere, hauptsächlich Affen und Vögel, und natürlich die Zeichnungen des goldenen Mannes. Vorne auf jedem der Wagen können zwei Männer sitzen, wobei einer immer die grauen Zebras lenkt. Ich laufe neben dem Wagen des goldenen Mannes her. Ich spüre, dass ich aufgeregt bin. Wohin wird mich diese Reise führen?
Die Reise dauert lange, sehr lange. Und die Reise ist beschwerlich. Nicht so sehr für mich, ich bin das Laufen gewohnt, aber es ist beschwerlich für die Männer. Wir kommen durch eine große Steppe, die ich nur vom Hörensagen kenne. Die grauen Zebras sind so erschöpft, dass wir nun alle laufen müssen. Wenn wir nicht bald Wasser finden, werden wir alle hier sterben. Dann sehe ich eine Herde echter Zebras und weiß, hier muss Wasser in der Nähe sein. Ich möchte, dass wir der Herde folgen, auch wenn sie nicht in die Richtung zieht, die wir anstreben. Ich gebe den Männern zu verstehen, wenn wir den Zebras folgen, kommen wir zu einem Wasserloch. Die Männer verstehen, doch sie sind unschlüssig. Schließlich ist es der goldene Mann, der sie überzeugt, mir zu vertrauen.
Nach nur einem halben Tagesmarsch erreichen wir einen See. Der See ist wunderschön und es gibt hier unzählige Tierarten. Auch Löwen und Hyänen. Deshalb gebe ich zu verstehen, dass es besser ist, die Nacht auf einem der Bäume zu verbringen. Am nächsten Morgen benutzt der Mann mit den roten Haaren wieder seine Flinte. Mit einem ohrenbetäubenden Knall vertreibt er alle Tiere von einer Wasserstelle und es ist uns möglich, unsere eigenen Vorräte aufzufrischen und die grauen Zebras und die anderen Tiere mit Wasser zu versorgen. Danach ziehen wir weiter. Wieder vergehen die Tage. Doch irgendwann kommen wir auf einen Pfad, der so breit ist, dass die Wagen, die von den grauen Zebras gezogen werden, mühelos Platz darauf finden. Die Männer atmen auf. Ich glaube, dass dieser Pfad auch durch solche Wagen entstanden ist. Die Wagen hinterlassen Abdrücke und diese Abdrücke sind überall auf dem Pfad zu finden. Ich spüre, wie mein Herz vor Aufregung heftig pocht. Sind wir bald am Ziel der Reise?
Am nächsten Tag erreichen wir ein Dorf. Ich bin hin und her gerissen, zwischen Furcht und Neugierde. Dieses Dorf ist viel, viel größer als mein Dorf und es sieht auch so ganz anders aus! Es gibt riesige und sehr hohe Hütten, teils aus Holz und teils aus Steinen erbaut. Ich habe noch nie zuvor eine Hütte aus Steinen gesehen. Einige sind so hoch, dass man im Inneren über etwas gehen muss, dass der goldene Mann als „Treppe“ bezeichnet. Ich bin noch nie zuvor über eine Treppe gegangen. Überall in dem Dorf fahren Wagen und einige werden von Tieren gezogen, die ich ebenfalls noch nie zuvor gesehen habe. Auf einigen dieser Tiere sitzen auch Männer und bewegen sich auf ihnen fort. Hier sehe ich auch die erste bleiche Frau. Ihre Haut ist ganz weiß und ihre Haare sind ganz lang und fein. Unsere eigenen Frauen tragen, genau wie wir Männer, die Haare ganz kurz, damit sich kein Ungeziefer darin einnisten kann. Irgendwie empfinde ich die bleiche Frau als abstoßend — zudem sieht sie krank aus. Trotz der Hitze trägt auch sie eine Hülle, die bis auf den Boden reicht. Sind diese Menschen etwa deshalb alle so bleich, weil sie ihre Körper ständig bedecken? Als die Frau mich sieht, weicht sie erschrocken vor mir zurück. Wahrscheinlich empfindet auch sie mich als abstoßend.
Die Männer beziehen nun Schlafplätze in einer der hohen, großen Hütten. Der goldene Mann nennt diese Hütte ein Hotel. Ich helfe dabei, ihre Sachen hineinzutragen und dafür nehme ich eine Treppe. Eine Treppe entlangzulaufen ist schwieriger als einen Baum zu besteigen! Überrascht stelle ich fest, auch nicht der einzige schwarze Mensch in diesem Dorf zu sein. Hier gibt es viele schwarze Menschen, wenn auch nicht von meinem Stamm, dass sehe ich sofort. Das Volk meines Stammes ist sehr groß und hager. Die schwarzen Männer und Frauen hier sind alle viel kleiner und gedrungen. Und sie tragen ebenfalls weiße, lange Hüllen. Ich hingegen trage gar nichts. Hat sich die bleiche Frau vielleicht deshalb so erschreckt, als sie mich sah?
Ich verbringe die Nacht draußen auf einem unserer Wagen. Am nächsten Morgen kommt der goldene Mann und bringt mir Nahrung und eine dieser weißen, langen Hüllen. Der goldene Mann nennt es ein Kleid. Ich weiß, er möchte, dass ich es trage. Ich glaube, ich könnte ihm nie etwas abschlagen und ihm zuliebe trage ich auch das Kleid, obwohl es darin ziemlich heiß ist.
Alles in diesem Dorf ist neu für mich. Es gibt so viele Dinge zu entdecken. Dinge die ich noch nie zuvor gesehen habe und deren Namen ich nicht kenne. Das Dorf liegt an einem See. Der See ist so riesig, dass man das Ende nicht sehen kann. Wenn ich das irgendwann in meinem Dorf erzähle, wird niemand mir glauben schenken! Ich frage mich auch, wie lange wir in diesem Dorf bleiben. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass dies doch noch nicht das Ende unserer Reise ist. Jeden Tag lerne ich neue Wörter: Esel, Pferd, Mann, Frau, Sklave. Und jeden Tag geht der goldene Mann zu dem großen See, den er Meer nennt, und hält nach etwas Ausschau.

Zeitsprung: Wir sind nun schon eine ganze Weile hier. Ich fange an, mich zu langweilen. Dann plötzlich herrscht Aufregung im Dorf. Alle Männer laufen zum Meer. Ich folge ihnen und traue meinen Augen kaum. Dort auf dem Wasser, wenn auch noch in einiger Entfernung, treibt ein riesiges Ungeheuer! Werden wir etwa angegriffen? Viele der Männer haben Flinten dabei und schließen damit wie wild in die Luft! Auch von dem Ungeheuer klingt nun ein lauter Knall zu uns herüber! Dieser Knall ist so mächtig, dass er in meiner Brust einen dumpfen Druck erzeugt. Gleichzeitig spritzt irgendwo das Wasser, mit solcher Wucht in die Luft, dass die Panik mich ergreift. Doch ich bin wie gelähmt — unfähig mich zu bewegen, starre ich auf das Ungeheuer, das immer näher kommt! Immer mehr Männer kommen und schießen wie wild in die Luft. Ich glaube zu verstehen, warum sie das machen. Die Männer wissen, dass sie das Ungeheuer nicht töten können, also versuchen sie, es durch den Lärm ihrer Flinten zu verjagen. So wie der rothaarige Mann, an der Wasserstelle, die Tiere mit seiner Flinte verjagte oder wir in meinem Dorf die Dämonen, durch den Lärm unserer Trommeln, vertreiben!
Ich reiße mich zusammen, schüttele die lähmende Panik ab. Ich muss helfen! Hastig schaue ich mich nach etwas um, mit dem sich Lärm erzeugen lässt. Dann sehe ich den goldenen Mann, er kommt aufgeregt, aber lächelnd, auf mich zugelaufen. Ich versuche ihm zu erklären, dass wir ganz viel Lärm erzeugen müssen und fuchtele dazu wie wild mit meinen Armen und Händen. Doch der goldene Mann lächelt nur weiterhin und redet beruhigend auf mich ein — so wie er das immer tut. Dabei greift er nach meinen Händen, hält sie fest, streichelt sie sogar, bis auch ich mich wieder beruhige. Der goldene Mann hat keine Angst vor dem Ungeheuer, also brauche auch ich keine Angst zu haben. Dann zeigt der goldene Mann auf das Ungeheuer und wiederholt immer wieder das Wort Wagen und dann das Wort Schiff oder Segelschiff.
Langsam begreife ich, was der goldene Mann mit damit sagen will: Was immer da auf dem Wasser treibt ist kein Ungeheuer, sondern bloß eine andere Form von Wagen, die man Segelschiff nennt. Es dauert noch eine ganze Weile, aber dann ist das Segelschiff so nah, dass ich sogar Menschen darauf erkennen kann. Viele von ihnen winken uns zu. Mein Herz schlägt immer noch heftig, aber ich winke zurück. Ich ahne, dass unsere Reise nun bald weitergehen wird.
Dann beginnt das Entladen und Beladen des Schiffes. Ein Großteil der Ladung besteht aus den Stoßzähnen von Elefanten. Ich bin entsetzt! Wie viele dieser Tiere wohl dafür haben sterben müssen? Auch der goldene Mann ist darüber entsetzt. Ich weiß, dass er sich um das Wohlergehen meiner Heimat sorgt. Ich weiß nun auch, dass wir unsere Reise mit dem Schiff fortsetzen werden und dass diese Reise uns über diesen großen See — das Meer — führen wird.
Und dann kommt der Tag, an dem ich das Schiff zum ersten Mal betrete. Ehrfurcht erfüllt mich. Ich weiß, dass diese bleichen Menschen dieses Schiff erbaut haben. Wenn diese Menschen in der Lage sind, solche Dinge zu bauen, was können sie noch? Wohin wird mich diese Reise wirklich führen? Welche Wunder erwarten mich dort, wo diese Reise tatsächlich endet? Ich denke an die Gefäße, die Feuer transportieren können und die man Gaslampen nennt. Und ich denke an die Waffen, die Flinten der Männer oder die furchteinflößenden Kanonen des Segelschiffes. Ich hebe meinen Kopf in die Höhe und bestaune die mächtigen Segel. Welche Dinge haben diese bleichen Menschen noch erschaffen? Der goldene Mann steht neben mir und lächelt. Ich glaube, er liest meine Gedanken. Er spricht zu mir. Ich soll mit ihm kommen. Bereitwillig folge ich ihm, in den Bauch des Schiffes. Hier ist es dunkel und es riecht nach menschlichen Ausdünstungen und Tod. Ich weiß, wie der Tod riecht und plötzlich kommt mir dieses Schiff doch wieder wie ein Ungeheuer vor. Hinter einer dicken Tür ist ein großer Raum. Hier sind viele schwarze Menschen. Ich verstehe, was der goldene Mann mir zu sagen versucht: für die Dauer dieser Reise wird dies mein Platz sein. Ich vertraue dem goldenen Mann und so bleibe ich, trotz des wachsenden Unbehagens. Bevor der goldene Mann geht und die schwere Tür sich hinter ihm wieder schließt, gibt er mir noch einen großen Beutel mit Nahrung und Wasser.

Zeitsprung: Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Hier unten ist es stockdunkel. Nur nachts öffnet sich ein Loch, ganz weit oben, und lässt für eine Weile ein wenig Frischluft herein. Manchmal werden auch Essensreste durch das Loch zu uns heruntergeworfen und manchmal kann ich durch dieses Loch auch die Sterne sehen. Meine eigenen Vorräte sind längst aufgebraucht. Nicht jeder hier hatte so viel Glück und hat Wasser und Nahrung mitbekommen. Einige von uns sind schon tot. Der Gestank ist unerträglich. Eine Zeit lang war mir auch übel von den Bewegungen des Schiffes. Jetzt ist mir nur noch übel von dem Gestank. Oft weiß ich auch nicht mehr, ob ich wach bin oder träume. Ich glaube zu spüren, wie ich den Verstand verliere.
Irgendwann fühle ich wieder einen dumpfen Druck in meiner Brust. Ist das, das Ende? Dann spüre ich, wie ich geschüttelt werde und zuerst denke ich, es ist das Schiff, das sich wieder heftig auf und ab bewegt. Ich träume, das Schiff sei doch ein Ungeheuer. Ein Ungeheuer, das mich gefressen hat und dann blicke ich in das Gesicht des Ungeheuers. Wie kann das sein? Wie kann ich im Bauch des Ungeheuers sein und gleichzeitig sein Gesicht sehen? Ich muss verrückt geworden sein! Meine Augen sind jetzt weit geöffnet. Ich will schreien. Ich werde geschüttelt. Ich blicke immer noch in ein Gesicht. Das Gesicht gehört einem bleichen Mann. Er ist es, der mich schüttelt. Ich blicke in sein Gesicht. Ich lebe noch. Man schafft mich aus dem Bauch des Schiffes heraus. Aber dann bin ich blind. Im grellen Tageslicht sinke ich zu Boden. Wieder werde ich ohnmächtig.
Als ich das nächste Mal zu mir komme, blicke ich in ein sehr dickes, rundes Gesicht. Es ist so bleich wie das des goldenen Mannes, aber mit fast kreisrunden, roten Wangen. Es ist eine Frau. Ihre Haare sind unter einem weißen Kopfschmuck verborgen. Sie trägt ein schwarzes, langes Kleid und darüber etwas Weißes. Sie redet mit sanfter Stimme, bedeutet mir liegen zu bleiben. Ich liege auf einer Schlafstätte. Diese Schlafstätte ist sehr weich und riecht angenehm frisch. Der Geruch von Tod und Verwesung ist weg. Auch ich rieche nicht mehr. Irgendjemand hat mich gewaschen und in ein sauberes Kleid gehüllt. Trotzdem weiß ich, dass ich den Gestank des Todes, aus dem Bauch des Schiffes, nie werde vergessen können! Ich weine. Wo ist der goldene Mann? Warum hat er mich im Stich gelassen? Die bleiche Frau füttert mich mit warmer Flüssigkeit. Sie schmeckt salzig und tut gut. Dann schlafe ich ein und als ich wach werde ist der goldene Mann da. Ich sehe die Besorgnis in seinem Gesicht. Jetzt weiß ich, dass er mich nicht im Stich gelassen, sondern gerettet hat! Ich lächle ihn an. Jetzt geht es mir schon viel besser.
Zeitsprung: Ich bin jetzt etwas älter. Ich lebe jetzt schon fünf Jahre bei meinem Herrn, dem goldenen Mann. Ich habe auch seine Sprache gelernt und ich kann sogar rechnen. Auf das Rechnen bin ich besonders stolz, denn in meiner Sprache gibt es nur ein Wort für eins, zwei oder viele. In der Sprache meines Herrn kann man unendlich weit zählen. Mein Herr ist ein Lord. Sein Schloss ist so groß, dass ich mich am Anfang, auf dem Weg zu meiner Kammer, oft darin verlaufen habe. Ich lebe jetzt in einem Land namens England. Ich selbst stamme aus Afrika. Ich kann Afrika auf der Karte finden, die in der Bibliothek hängt. Hier hält mein Herr oft Vorträge über meine Heimat. Wenn er das tut, kommen viele Menschen, die ihm dabei zuhören. Einige der mitgebrachten Samen und Pflanzen gedeihen auch hier im kalten England. Mein Herr ist auch Botaniker und Ornithologe und er besitzt ein großes Gewächshaus. Ich bin gerne im Gewächshaus, weil es dort immer so schön warm ist.
Wenn mein Herr Vorträge hält, zeigt er den Menschen auch die mitgebrachten Pflanzen, oder die Zeichnungen, die er von den Pflanzen und Tieren meiner Heimat anfertigte, oder die Anschauungsobjekte, die er von dort mitbrachte. Allerdings sind die meisten dieser Anschauungsobjekte nun tot und ausgestopft. Besonders die ausgestopften Affen gruseln mich ein wenig. Aber auch ich bin so eine Art Anschauungsobjekt und immer wenn mein Herr einen Vortrag hält, dann darf ich mein Kleid ablegen. Obwohl ich mich an die Kleider mittlerweile gewöhnt habe, auch weil es mich ohne sie hier allzu sehr friert. Aber an die Schuhe, daran werde ich mich nie gewöhnen!
In England ist es immer kalt. Es gibt eine Zeit, die sich Winter nennt, und wenn weißer, eiskalter Regen ― Schnee ― vom Himmel fällt. Ich mag den Winter nicht. Manchmal begleite ich meinen Herrn auch in einem vornehmen Wagen, einer Kutsche, nach London. London ist das größte Dorf, das ich je gesehen habe. Auch dort hält mein Herr manchmal Vorträge und ich darf ihn als Anschauungsobjekt begleiten. Anschauungsobjekt ist der Name, den man mir offiziell gegeben hat. Mir gefällt Boy besser.
Dann geht mein Herr erneut auf Reisen. Ich weiß das, weil ich geholfen habe, die großen Reisetruhen zu packen. Ich will mit. Ich will zurück in meine Heimat, auch wenn ich nie wieder in den Bauch eines Schiffes will. Doch mein Herr sagt, dass er nicht nach Afrika reist. Auf der Karte, in der Bibliothek, zeigt er mir ein anderes Land. Es heißt Indien. Erst jetzt merke ich, wie schlimm mein Heimweh ist. Ich will zurück nach Hause, doch mein Herr sagt, es geht nicht.
Mein Herr bleibt sehr lange weg. Zweimal kommt in dieser Zeit der Winter. Dann ist mein Herr endlich zurück. Er ist nicht alleine. Ein dunkelhäutiger Junge begleitet ihn. Er ist ein wenig jünger als ich. Der Junge ist zwar ebenfalls dunkelhäutig, doch anders als ich. Auch sind seine Haare nicht so kraus wie meine. Seine Haare sind ganz glatt und sehr, sehr lang und glänzend. Ich finde sie wunderschön. Der Junge wirkt eingeschüchtert und er spricht unsere Sprache nicht. Aber er ist wohlauf, anders als ich bei meiner Ankunft damals. Ich schließe daraus, dass er nicht im Bauch eines Schiffes eingesperrt gewesen ist. Mein Herr stellt ihn mir als Singh vor und sagt, dass er ab jetzt bei mir wohne. In meiner Kammer unter dem Dach stehen zwei Betten und ich freue mich, endlich nicht mehr so alleine zu sein.
Mein Herr hat viele neue Pflanzen, Zeichnungen und Anschauungsobjekte aus Indien mitgebracht, neben einigen Gewürzen und Teesorten. Die Zeit der Vorträge beginnt erneut, doch nun bin nicht mehr ich das Anschauungsobjekt, sondern Singh. Singh ist es auch, der meinen Herrn nun immer nach London begleiten darf. Aber es ist in Ordnung für mich. Ich bin es, der Singh nun die Sprache unseres Herrn lehrt und ich bin es auch, der Singh das Leben in diesem fremden Land erklärt. Wir verbringen viel Zeit miteinander und ich weiß, Singh mag mich genauso sehr wie ich ihn. Die Gefühle, die ich einst für den goldenen Mann hegte, hege ich nun für Singh und Singh erwidert diese Gefühle.

Zeitsprung: Etwas hat sich geändert. Unser Herr hat eine Frau gewählt. Sie lebt nun ebenfalls im Schloss, aber sie hat etwas gegen unsere Anwesenheit. Sie nennt Singh und mich Wilde. Sie will, dass unser Herr uns wegschafft. Seit ihre Tochter geboren wurde, dürfen wir unser Zimmer gar nicht mehr verlassen. Die Frau aus der Küche, mit dem runden Gesicht, die mich einst gesundpflegte, bringt uns nun einmal am Tag etwas zu essen. Dabei weint sie jedes Mal und entschuldigt sich, weil sie uns einschließen muss. Unsere Notdurft verrichten wir nun in einem Eimer. In der kleinen Kammer riecht es jetzt nach Ausdünstungen. Schlimme Erinnerungen werden in mir wach. Erinnerungen, aus der Zeit im Bauch des Schiffes. Kommt mein Herr auch diesmal, um uns zu retten?

Zeitsprung: Singh und ich liegen eng umschlungen in meinem Bett. Ich höre den Schlüssel im Schloss. Die Tür öffnet sich und ich sehe unseren Herrn. Der goldene Mann ist endlich gekommen! Er bedeutet uns, ihm zu folgen. Dabei legt er einen Finger auf seine Lippen: wir sollen leise sein. Singh und ich folgen ihm und er führt uns in das riesige Verließ unter dem Schloss. Was hat er vor? Will er uns so die Flucht ermöglichen? Aber wohin? Der goldene Mann führt uns zu einem der Kerker und erst jetzt bemerke ich die Flinte, die er unter seinem Mantel verborgen hatte. Seine Lippen formen die Worte, es tut mir leid. Tränen laufen mir über das Gesicht, als mein Herr uns einsperrt. Auch Singh weint. In dem Kerker ist es feucht und bitter kalt. Überall sind Ratten. Wir rufen um Hilfe, klopfen mit einem Stein gegen die Gitter der Kerkertür. Dann endlich kommen zwei Männer. In großen Eimern schleppen sie Steine herbei. Sie beginnen damit, vor dem Gitter der Kerkertür eine Wand hochzuziehen. Wir werden eingemauert, bei lebendigem Leibe begraben.
Wie hatte mich mein Herr nur so verraten können? Ich hatte mein Leben in seine Hände gelegt, als ich ihm gefolgt war. Einmal schon wäre ich dadurch fast gestorben, als ich im Bauch des Schiffes war. Die Tränen sind versiegt. Plötzlich habe ich das Gefühl, gespalten zu sein: Der Teil von mir aus Fleisch und Blut, ist starr vor Angst und kommt mir irgendwie auch gar nicht mehr wie ein Teil von mir vor. Der andere Teil, und das bin viel eher ich selbst, so kommt es mir jedenfalls vor, besteht nur aus Gefühlen und Gedanken. Wut keimt in diesem Teil auf! Ich muss stark sein, auch für Singh! Ich sehe Singh und ich sehe mich selbst — aber wie kann das sein? Nein, denke ich dann, du siehst nur den Teil von dir aus Fleisch und Blut! Meine Wut wird größer! Nie wieder werde ich mein Leben jemand anderem überlassen! Künftig werde ich mein Leben nur noch selbst bestimmen und damit auch meinen Tod! Doch dafür ist es jetzt zu spät!
Meine letzte Erinnerung ist, wie es ganz dunkel wird. Singh und der Teil von mir aus Fleisch und Blut, kauern engumschlungen auf dem kalten Lehmboden. Ich selbst habe mich über ihnen ausgebreitet, fast wie eine Decke. Ich versuche Trost zu spenden und dann kommt der Tod. Endlich. Ich spüre, dass ich frei bin und diesen Ort, trotz der Mauern, wieder verlassen kann. Zurück bleibt nur der Teil von mir aus Fleisch und Blut und Singh. Doch dann wird plötzlich alles schwarz und mein bewusstes Erleben endet so plötzlich wie es begonnen hatte!

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Ich erwache auf meinem Bett im Strandhaus. Habe ich nun wirklich bloß geträumt? Der Traum ist noch zum Greifen nah und ich erinnere mich an jedes Detail! Wenn ich früher träumte, musste ich den Traum immer gleich nach dem Erwachen aufschreiben. Anderenfalls war spätestens nach dem Zähneputzen alles weg. Irgendwie ahne ich, dass das bei diesem Traum jedoch nicht der Fall sein wird.
»Weil es in dem Sinne kein Traum war«, sagt mein Verstand. Ich überhöre ihn geflissentlich, weil ich mich jetzt auch nicht damit auseinandersetzen möchte, dass ich in einer früheren Inkarnation einmal lebendig eingemauert wurde! Ich setze mich im Bett auf und frage mich stattdessen selbst, wie lange ich wohl „geträumt“ habe.
Automatisch schaue ich durch die Doppeltür hinaus. Draußen ist es dunkel geworden. Trotzdem sehe ich immer noch das Meer.
Fast so, als ob dort draußen ein heller Vollmond leuchtet, denke ich. Eine Sonne hatte ich bei meiner Ankunft allerdings nicht entdecken können. Der Himmel war sonderbar, milchig-trüb gewesen. Nun will ich wissen, ob dort draußen irgendwo ein Mond ist.
Ich schwinge meine schönen, langen Beine aus dem Bett und wundere mich nicht, dass vor dem Bett nun ein paar Flip-Flops stehen. Was mich eher wundert, ist ihre Größe: Größe Bigfoot! Die Flip-Flops passen wie angegossen. Während ich das Strandhaus verlasse, sehe ich auch, dass ich Jeans Shorts und ein weißes, schlichtes Tank Top trage. Hatte ich die Sachen auch schon bei meiner Ankunft an? Auch meine Haare sind jetzt offen und nicht mehr zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.
Draußen suche ich den Mond. Ich kann jedoch keinen Mond finden und auch keine Sterne. Der Himmel ist immer noch sonderbar trüb. Schade, denke ich. Ich wünsche wirklich, ich hätte den Mond sehen können.
Und dann ist er da, der Mond. Und mit ihm unzählige Sterne.
Nur, weil ich es mir gewünscht habe.
Mich interessiert nicht, welcher Mond dies ist. Ja mich interessiert noch nicht einmal, ob dies überhaupt der echte Trabant, eines echten Planeten ist.
»Irgendwann wirst du dich aber mit dieser Frage — und allen anderen Fragen — auseinandersetzen müssen«, sagt mein Verstand.
»Spielverderber«, rufe ich laut in Gedanken.
Auf dem Strand steht nun auch eine Sonnenliege. Ich lege mich darauf und mache dadurch die Sonnenliege zur Mondliege. Ich schaue zu den Sternen und dem Mond empor, und wie sein goldenes Licht auf dem Meer und selbst auf meinen Beinen glitzert.
Plötzlich sehe ich, wie etwas an meinem Bein entlangkrabbelt. Es ist der kleine, grüne Gecko. Er krabbelt auf meine Brust und beäugt mich neugierig mit seinen lustigen Augen. Ich hebe eine Hand und streiche ihm sanft mit einem Finger über seinen Rücken. Ich fühle nicht was ich tue. Aber ich fühle Freude und dass auch der Gecko Freude empfindet — Freude darüber, dass ich jetzt hier bin. Ich frage mich, wo das Huhn jetzt sein mag.

Kapitel 3

Es dämmert. Dämmert es, weil ich es möchte? Habe ich Einfluss darauf, wann es hell und wann es dunkel ist? Kann ich es immer Tag oder immer Nacht sein lassen?
Ich habe so eine Ahnung, dass ich noch viel Zeit haben werde, dies herauszufinden. Obwohl „Zeit“ wahrscheinlich nicht der richtige Terminus ist!
»Raum trifft es besser«, sagt mein Verstand. »Du wirst genug Raum haben, alles zu erfahren und zu analysieren.«
Ich beschließe erneut, meinen Verstand zu ignorieren — denn erst einmal möchte ich mich einfach nur erholen!
Ja, das trifft es wirklich, denke ich. Ich habe wirklich ein sehr großes Bedürfnis danach, einfach einmal nur nichts zu tun! Aber das ist leichter gesagt als getan. Faulenzen und dabei wirklich gar nichts tun, war auch früher schon nie so mein Ding! Aber ich hätte jetzt Lust, ein Buch zu lesen. Gab es im Strandhaus nicht auch ein Bücherregal?
Wie auf Kommando krabbelt der kleine Gecko von meiner Brust und verschwindet wieder. Ich stehe auf und gehe zurück zum Strandhaus. Das Huhn ist auch wieder da. Es steht auf der Veranda und pickt imaginäres Futter zwischen den Bohlen heraus.
Im Strandhaus besehe ich mir das Bücherregal: Alles Bücher meiner Lieblingsschriftsteller. Alles Bücher, die ich schon gelesen habe! Kurz vor meinem Tod, war allerdings gerade ein neuer Roman meines absoluten Lieblingsschriftstellers erschienen. Leider hatte ich keine Zeit mehr gehabt, das Buch zu kaufen und zu lesen.
»Falsch«, sagt mein Verstand, »Zeit hättest du schon noch gehabt. Du hast dir nur den Raum nicht mehr gegönnt!«
Zeit, Raum — was macht das schon für einen Unterschied? Ja, vielleicht habe ich mir einfach nur den „Raum“ nicht mehr gegönnt! Aber so war ich halt — oder so bin ich noch immer: streng zu mir selbst. Deshalb fällt es mir wohl auch so schwer, mich nicht mit alledem auseinanderzusetzen. Vielleicht suche ich ja deshalb nun so krampfhaft nach einer Ablenkung und rede mir ein, ich müsste dringend einmal ausspannen und einfach nur nichts tun.
»Nun, darum bist du ja hier: damit du dich erholst — oder regenerierst. Aber du wirst an der Auseinandersetzung auch nicht vorbei kommen. Sie gehört einfach dazu. Nenn‘ es die Baustelle im Paradies, wenn du willst!«

Ich tue so, als hätte ich meinen Verstand wieder nicht gehört.
»Mal sehen, ob dieses neue Buch nicht auch hier irgendwo steht«, denke ich laut. Wenn ich laut denke, bewege ich auch meine Lippen, wie beim Sprechen. Kann man das dann wirklich hören? Können beispielsweise das Huhn oder der Gecko mich hören, wenn ich laut denke, denke ich leise.
Ich selbst bin „alleine“ wohl nicht in der Lage, diese Frage zu beantworten. Aber jetzt habe ich etwas, worüber ich nachdenken kann, ohne dass es mich allzu sehr belastet. Jetzt über mein „tot sein“ nachzudenken, würde mich beispielsweise belasten.
Ich kann das Meeresrauschen hören.
»Heißt das, ich könnte auch meine eigene Stimme hören?«
Letzteres habe ich wieder laut gedacht — aber ich vermag einfach nicht zu sagen, ob ich mich selbst gehört habe oder bloß „meine“ mich zu hören, weil ich weiß, was ich denke. Wahrscheinlich ist das alles bloß wieder paradox!
Ich seufzte. Ich bin mir total sicher, mein Seufzen auch wirklich gehört zu haben, nicht nur in meinem Kopf. Als nächstes versuche ich es mit Singen. Dazu bewege ich ganz exzessiv meine Lippen, so wie ich es tun würde, wenn ich wüsste, dass jemand versucht meine Lippen zu lesen. Ich singe la-le-li-lo-lu. Mir fällt nichts anderes ein.
Noch einmal: »La-le-li-lo-lu, nur der Mann im Mond hört zu… ?«
Nichts, nur Stille! Die Silben existieren nur in meinem Kopf. Ich grüble einen Moment darüber. …Vielleicht wenn ich herausfinden würde, ob es hier ein Echo gibt? …Vielleicht sollte ich mich an den Strand stellen und wie eine Irre anfangen zu schreien? Diese Idee verwerfe ich ganz schnell wieder — irgendwie ist das alles doch noch zu anstrengend für mich!
Ich konzentriere mich wieder auf die Suche nach dem neuen Roman meines Lieblingsschriftstellers. Im Bücherregal steht er jedenfalls nicht. Einer Eingebung folgend, wandert mein Blick zu dem Nachttisch — und dort liegt er, gleich neben dem Bettchen des Geckos: als Paperback in der XXL Ausgabe mit extra großer Schrift. So wie ich meine Bücher am liebsten mag! Logisch, denke ich, wo hätte das Buch denn auch sonst liegen sollen? Und diesmal denke ich wirklich nur in meinem Kopf.

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Ich verbringe den Tag abwechselnd in der Hängematte, die rechts neben dem Strandhaus zwischen zwei Palmen hängt und auf der Sonnenliege, am Wasser. Immer wenn ich in der Hängematte liege, habe ich das Gefühl als kribbele meine Haut und außerdem spüre ich ein leichtes Vibrieren. Ich weiß, das kann nicht sein, aber trotzdem ist es so. Das Kribbeln und das Vibrieren sind auch nicht wirklich unangenehm, trotzdem nervt es irgendwie und deshalb beschließe ich, auf der Sonnenliege zu bleiben.
Ich kann jetzt auch deutlich eine Sonne sehen, die über einen vermeintlichen, aber sehr blauen Himmel wandert. —Nur das mit den Schatten bekomme ich einfach nicht hin. Dafür habe ich aber Einfluss darauf, wie schnell oder langsam die Sonne wandert. Und das ist irgendwie schon total cool!
Das Buch ist sehr spannend. Ich beschließe, es an einem Stück auszulesen, weshalb ich die Sonne nur sehr langsam weiterwandern lasse. Multitasking scheint also auch hier noch zu funktionieren: Ich lese ein Buch und lasse gleichzeitig die Sonne wandern. Oder was immer das Ding da oben sein mag. Ob ich durch das Ding auch so etwas wie einen Sonnenbrand bekommen kann? Ich betrachte meine Haut. Sie ist gebräunt, so wie sie es früher war, als ich noch das junge Mädchen war, dem dieser Körper einst gehörte.
»Dieser Körper, aber aus Fleisch und Blut«, sagt mein Verstand. Während ich gelesen hatte, hatte mein Verstand sich angenehm ruhig verhalten.
»Oh, du bist ja doch noch da«, erwidere ich, genauso sarkastisch. »Fast hätte ich angefangen, deine spitzen Bemerkungen zu vermissen!«
Mein Blick wandert wieder aufs Meer. Ob man darin auch schwimmen kann? Die Frage hatte ich zwar eher mir selbst gestellt, doch mein Verstand glaubt anscheinend, sie unbedingt beantworten zu müssen!
»Aber natürlich kannst du darin schwimmen, genauso wie du auf dem Sand hier laufen kannst. Und zudem ― was glaubst du, was passiert, solltest du ertrinken? Nochmal sterben kannst du nicht!«
»Ich kann mich wirklich nicht daran erinnern, dass du immer schon so kaltschnäuzig gewesen bist«, antworte ich. »Und angesichts der Tatsache, dass wir beide hier die einzigen intelligenten…« Ich mache eine Pause, weil mir die passende Bezeichnung nicht einfällt.
»Ja, sag‘ es«, sagt mein Verstand. »Angesichts der Tatsache, dass wir beide hier die einzigen intelligenten Energieformen sind.«
»Von mir aus! Dann sind wir eben bloß Energie. Für dich mag das auch OK sein. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass DU jemals einen Körper aus Fleisch und Blut gehabt hättest. DU warst immer nur in meinem Kopf und da bist du auch jetzt noch. Ob blutleer oder nicht. Energieform hin oder her. Aber ich wünsche mir wirklich, du würdest ein bisschen mehr Rücksicht auf meine Gefühle nehmen!«

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Ich kann nicht fühlen, nur spüren, aber ich habe dennoch immer noch Gefühle. Irgendwie gibt mir diese Erkenntnis Halt. Irgendwann werde ich mich auch damit auseinandersetzen, ob ich ― oder ob ich und mein Verstand ― hier wirklich die einzigen intelligenten „Energieformen“ sind. Irgendwo gibt es bestimmt noch andere. Außerdem halte ich weder das Huhn, noch den Gecko, für nichtintelligent. Nur dass ich mit ihnen nicht so kommunizieren kann wie mit meinem Verstand.
Nachdem alles gesagt ist, stehe ich jedenfalls auf und gehe schwimmen. Ich war immer eine gute Schwimmerin, obwohl ich eher der wasserscheue Typ war. Klingt irgendwie wieder paradox. Ich habe das Meer geliebt, irgendwie war es mir immer vertraut, so als würden wir uns schon Ewigkeiten kennen. Aber obwohl ich so lange in seiner unmittelbaren Nähe lebte, habe ich doch nur selten im Meer geschwommen. Jedenfalls was meine letzte Inkarnation betrifft ― und trotzdem war ich eine ausgezeichnete Schwimmerin! Vielleicht weil die Information, gut schwimmen zu können, schon in mir abgespeichert war ― aus einer früheren Inkarnation?
In meiner letzten Inkarnation habe ich jedenfalls immer eher Gebrauch vom Anblick des Meeres gemacht, seiner Aura, in Form der salzigen Luft und seiner Stimme. Ich glaube, das Meeresrauschen ist es auch, was ich später am meisten vermisst habe, als ich nicht mehr am Meer wohnte. —Damals nach meiner Scheidung!
Befinde ich mich deshalb jetzt an einem Strand, weil ich das Meer so sehr vermisste? Irgendwie ahne ich auch, dass ich schon viele Leben am Meer hatte — oder in denen das Meer zumindest eine größere Rolle spielte. „Inkarnationen mit Meerblick“ sozusagen. Klingt ein wenig wie aus einem Reisekatalog: „Buchen Sie mit uns ihr nächstes Leben! Wir haben alles im Programm, von Meerblick bis Wildwest!“ Nur wer ist in dem Falle „wir“?
―Wieder so eine Sache, über die ich (noch) nicht nachdenken möchte! Und mir dämmert auch, warum mir das Strandhaus — oder zumindest der Gecko und das Huhn — so vertraut vorkommen. Aber auch diesen Gedanken schiebe ich schnell wieder beiseite. Das sind Dinge, mit denen ich mich (noch) nicht beschäftigen möchte. Dinge, die ich (noch) nicht sehen möchte. Auch das Surfbrett, das plötzlich gleich bei der Hängematte und den Palmen im Sand steckt, will ich genaugenommen gar nicht sehen! Aber ich will auch nicht hingehen und es wegräumen.
»Du wolltest faulenzen, das Buch lesen und schwimmen — alles andere hat Zeit!«, sage ich laut, in Gedanken, zu mir selbst.
»Was ein Glück, dass Zeit relativ ist!«, seufzt mein Verstand.

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Das Wasser trägt mich. Vielleicht trägt es mich ein wenig zu sehr. Vielleicht so wie das Tote Meer einen trägt, wegen seines extrem hohen Salzgehaltes. Ich frage mich, ob dieses Wasser irgendwie salzig schmeckt? Mir kommt ein irrer Gedanke. Ich tauche unter und strecke dann vorsichtig meine Zungenspitze zwischen den zusammengepressten Lippen hervor. Ich schmecke nichts. Aber ich spüre, wie das Wasser meine Zunge und meinen Körper umspült.
Ein anderer Gedanke schießt durch meinen Kopf: Du spürst ja auch keinen Hunger und auch keinen Durst. Ja, aber nur, weil ich es nicht will oder bislang noch nicht daran gedacht habe, beantworte ich mir meine Frage selbst. Du tust ja auch so, als ob du atmen würdest, obwohl es hier keinen Sauerstoff gibt.
—Alles Dinge mit denen ich mich noch nicht auseinandersetzen will! Aber mir ist die Lust am Schwimmen vergangen. Ich kehre zurück zur Liege und flüchte mich erneut in das Buch.

Kapitel 4

Träume ich wieder? Plötzlich habe ich einen unglaublich fettleibigen Körper! Ich rieche Schweiß, meinen Schweiß. Igitt, der Schweiß riecht sauer! Ich rieche nach Katzenklo! Doch dann spüre ich, dass mich dieser Geruch irgendwie nicht wirklich zu stören scheint. Mir ist so, als sei ich daran gewöhnt. Mir ist so, als würde ich meinen eigenen, widerlichen Körpergeruch nicht mehr wahrnehmen. Er gehört zu mir, wie die Nikotinwolke zu einem Kettenraucher. Man selbst merkt es gar nicht mehr! Ich bin gewöhnt an den Geruch und diesen schrecklich fetten Körper!
Da wo ich jetzt bin, ist es zudem unerträglich heiß! Die Hitze stört mich schon eher. Ich stöhne, wegen der Hitze, und fahre mir reflexartig mit einem Ärmel über die nasse Stirn. Nicht, dass es helfen würde. Ich schwitze einfach weiter! Wie ein prallgefüllter Wassersack, mit unzähligen winzigen Löchern, aus denen in einem fort das Wasser quillt, ohne dass man es stoppen könnte. Mein Körper ist klitschnass geschwitzt!
Eine vollkommen neue Erfahrung, denke ich. Zu Lebzeiten, jedenfalls zu Lebzeiten in meiner letzten Inkarnation, habe ich nie so geschwitzt — selbst bei 35 Grad im Schatten nicht. Aber da war ich auch eine schlanke Frau! Dieser überaus fette Körper hier, ist eine völlig neue Erfahrung. Überrascht stelle ich jedoch fest, dass ich mich in diesem Körper trotzdem sehr wohl fühle — wenn nur diese elende Hitze nicht wäre!
Ich trage ein weites, rubinrotes Hemd aus feinster Seide und mit goldenen Knöpfen. Das Hemd trieft vor Schweiß. Ich weiß, dass die Knöpfe aus purem Gold gefertigt sind. Die Knöpfe tragen zudem ein Emblem. Ich weiß, es ist das Emblem eines mächtigen Sultans, der mein Vater ist. Dasselbe Emblem trage ich auch auf einem goldenen Siegelring. Ich trage viele Ringe. Zehn Stück, um genau zu sein. Einen Ring an jedem Finger. Alle Ringe sind groß und viele sind mit Rubinen und Smaragden versehen. Ich weiß auch, ich mag Edelsteine, weil sie lichtdurchlässig sind — anders als Gold und Silber. Ich trage Armreifen aus Gold und Silber. Die Armreifen klirren jedes Mal aneinander, wenn ich mir mit dem Ärmel die Stirn abwische.
Die Hitze geht mir auf die Nerven! Schatten, denke ich. Schatten und ein großer Krug gekühlter Pflaumenwein! Und ich denke an noch etwas, etwas das eine Regung in meiner Hose erzeugt und mir — trotz der Hitze — ein Grinsen übers Gesicht huschen lässt. Ich schaue auf meine Hose. Nicht, dass es mich interessiert hätte, wenn jemand die Regung dort bemerkt hätte. Es ist wirklich nichts, für das ich mich schämen müsste. Alles an mir ist massiv und groß — nicht nur mein Bauch, meine Brust, meine Oberschenkel.
Dadurch dass ich auf meine Hose schaue, sehe ich, dass auch sie aus feinster Seide ist. Smaragdgrüner Seide. Und ich sehe auch meine Schuhe. Oder sollte ich besser sagen Pantoffel? Jedenfalls ist mein Schuhwerk ebenfalls aus Stoff und dazu reichlich bestickt mit Pailletten aus Gold und Silber. Außerdem sind meine Schuhe vorne ganz spitz. Die Spitzen sind nach oben und nach innen gebogen. An jeder Spitze baumelt zudem ein kleines, rotes Bömmelchen, das sich mit jedem meiner Schritte, lustig hin und her bewegt. Dann wandert mein Blick wieder zu dem was vor mir liegt. Ich bin unterwegs. Unterwegs wohin?

Zeitsprung: Vor mir taucht ein riesiges Bauwerk auf. Überrascht stelle ich fest, dass ich jetzt auf einem Kamel sitze! Über mir ist ein Baldachin, der mich vor der sengenden Sonne schützen soll. Ich halte mein Kamel an. Neben mir kommt ein weiteres Kamel zum Halt. Ich weiß, dass auf dem anderen Kamel mein Adjutant sitzt.
Mich interessiert jedoch nur das riesige Bauwerk vor mir. Von hier oben kann ich es genau betrachten. Das Bauwerk sieht genauso aus wie auf der Zeichnung des Gärtners. Allerdings ist das Bauwerk jetzt verwahrlost und die Pflanzen haben, anders als auf der Zeichnung des Gärtners, gänzlich davon Besitz ergriffen. Unglaublich, dass bei solch großer Hitze, etwas noch so üppig gedeihen kann, denke ich. Aber das worauf es ankommt, die großen Maueröffnungen, die „Fenster“, sind immer noch gut zu erkennen!
Plötzlich weiß ich, was ich bin. Ich bin Architekt. Ein persischer Architekt. —Und ich bereise die bekannte Welt auf der Suche nach ganz bestimmten Bauwerken, denn ich habe eine Vision!
Dieses Wissen über meine Person sickert Tröpfchenweise durch: Meine Vision ist ein Bauwerk in dem Menschen wohnen. Ein Bauwerk, so hoch, dass es alles andere überragt. Es soll höher sein als alle anderen bekannten Bauwerke. Höher als die Pyramiden! Und in meiner Vision hat dieses Bauwerk — dieses Wohnhaus — viele, große Fenster. Selbst ganz hoch oben ist dieses Haus noch von Licht durchflutet!
Alle meine diesbezüglichen Konstruktionen scheiterten jedoch bislang an eben diesen Fenstern! Jede Konstruktion brach in sich zusammen, weil die Mauern, durch die vielen Fensteröffnungen, das Gewicht der darüber liegenden Etagen nicht mehr tragen konnten.
In Alexandria baut man zurzeit einen Leuchtturm. Auch er soll höher werden als die Pyramiden. Aber auch er wird nahezu fensterlos sein. Fensterlose Gebäude sind dunkel und seelenlos. Selbst hier im glühend heißen Babylon erzeugen diese „Mausoleen“ bei mir Gänsehaut — sorgen aber andererseits für angenehm kühlen Wein!
Genervt wische ich mir wieder den Schweiß von der Stirn, diesmal jedoch mit einem Tuch. Zugegeben, diese „Mausoleen“ haben bei dieser Hitze einen entscheidenden Vorteil — trotzdem will ich in die Geschichte eingehen als der Architekt des Sonnenhauses. Dies soll mein Erbe für die Nachwelt sein: ein hohes, sonnendurchflutetes Haus, mit viel Licht und ohne Fäule und ohne Kälte. Ich möchte, dass mein Name später zusammen mit denen von Kallikrates, Sostratos und Cheops genannt wird.
Ich experimentiere mit Glas. Glas ist ein wunderbares Material. In Ägypten habe ich ein Verfahren kennengelernt, das die Entfärbung möglich macht. Dadurch ist die Herstellung von farblosem, also gänzlich lichtdurchlässigem Glas möglich. Die Ägypter stellen Glas schon seit Hunderten von Jahren her und formen daraus niedliche, kleine Gefäße, für ihre Sälbchen und duftenden Ölchen. —Leider ist das ägyptische Glas aber zu dünn und löst meine Probleme mit der Statik nicht. Ich brauche ein Material, dass so hart und tragfähig ist wie Eisen, aber dabei auch so durchsichtig wie ägyptisches Glas. Ich wäre auch bereit, Edelsteine in die Fensteröffnungen einzusetzen. Egal, was es kosten würde! Edelsteine sind äußerst hart und deshalb auch äußerst tragfähig. Nur leider gibt es keine Edelsteine in der Größe von Fenstern und man kann sie leider auch nicht einschmelzen.
Mein Adjutant liegt mir ständig damit in den Ohren, ich solle das Fundament, jeder neuen Etage meines Sonnenhauses, mit Balken aus Eisen stützen — dann würde es keine Rolle mehr spielen, dass Glas nicht trägt. Man könnte das Glas dann aber trotzdem in die Fensteröffnungen einbauen, zum Schutz vor Wind und Wetter — aber ohne auf das Sonnenlicht verzichten zu müssen. Zugegeben, die Idee ist gut. Doch ich ärgere mich, weil ich diese Idee nicht selbst hatte. Zu verblendet war ich lange Zeit, von meiner eigenen Idee, des tragenden Glases.
Mein Blick wandert wieder zu dem Bauwerk vor mir. Obwohl es nicht mehr bewohnt wird, ist das Bewässerungssystem teilweise noch intakt. Mönche versuchen, es so gut wie möglich instand zu halten. Das Gebäude ist circa 30 Meter hoch, quadratisch und verfügt über sechs Etagen. Jede Etage, außer die unterste, verfügt über mehr Öffnungen als Mauerwerk. Dabei ist die unterste Etage zugleich die Größte. Die nächste Etage wurde darauf gesetzt, allerdings verkleinert, sodass ringsherum eine breite Terrasse entstand. Darauf wurde dann wieder die nächste, verkleinerte Etage gebaut und so weiter. Daher auch der Name des Bauwerks: die Hängenden Gärten.
Doch so schön und majestätisch dieses Bauwerk auch ist — und in meinen Augen ist es viel majestätischer als die Pyramiden — es ist nicht die Lösung für meine Probleme! Ich bin äußerst gut in Mathematik und ich brauche nicht lange, um im Kopf auszurechnen, wie groß der kubische Unterbau meines Sonnenhauses sein müsste, um nach der Vorlage dieses Bauwerks, ein Gebäude mit Fenstern zu errichten, dass selbst die Cheops-Pyramide an Höhe übertreffen würde! Ganz abgesehen davon, dass ich die Fertigstellung des Gebäudes wohl selbst nicht mehr miterleben würde. Etwas, das für mich ebenfalls inakzeptabel wäre!
Die Pyramiden, denke ich abfällig. Sie sind imposant, aber nicht majestätisch. Selbst die Ungebildetsten unter den Ungebildeten wissen bei ihrem Anblick sofort, dass es sich dabei um Mausoleen handelt! Und ich will keine seelenlosen Bauwerke ohne Licht erschaffen! Ich will etwas Neues erschaffen, etwas worüber die Nachwelt noch lange reden wird. Selbst dann noch, wenn die Pyramiden schon lange zu Staub verfallen sind! Dennoch hat sich die Reise gelohnt. Die Hängenden Gärten sind ein wundervoller Anblick und trotz der vielen Öffnungen hat dieses Bauwerk die Zeit überdauert — ohne Einzustürzen. Etwas, das mir Hoffnung gibt.

Zeitsprung: Ich habe der Regung in meiner Hose nachgegeben. In den letzten Nächten, seit meiner Ankunft in Mesopotamien, habe ich immer dieses Freudenhaus aufgesucht und hier auch die Nächte verbracht. ―Ganz zum Leidwesen meines Adjutanten, obwohl hier auch Knaben feilgeboten werden. Mir persönlich liegt mehr an den schwarzhäutigen Schönheiten Afrikas.
Ich liege in einem Bett mit bronzenem Baldachin und erkenne darin selbstgefällig mein eigens Spiegelbild: Ich sehe mein attraktives, rundes Gesicht. Die pechschwarzen, ölig-glänzenden Löckchen, die bis zu meinen massigen Schultern reichen. Meine dunkle Haut. Die wulstigen Lippen. Die spitze, kleine Nase. Die schweren, goldenen Kreolen, welche meine Ohren zieren. Die dicke, goldene Kette auf meiner üppig behaarten Brust. Ich sehe auch meinen voluminösen Bauch, der von gutem Appetit und Reichtum zeugt. Ich sehe auch die schwarze Schönheit, die rittlings auf mir sitzt. Ich verehre Ishtar! Und was gäbe es Schöneres als die fleischliche Lust ― wäre da nicht meine Vision!

Zeitsprung: Ich sitze über einem Teller mit Hammelfleisch und Feigen und einer Karaffe voll Pflaumenwein. Je mehr ich esse, desto mehr Hunger habe ich! Ich schwitze und ich habe Durst! Mein Körper verlangt nach Wasser, trotzdem trinke ich Wein! Mir rennt die Zeit davon — doch ich spüle dieses Wissen mit Alkohol aus meinem Kopf.

Zeitsprung: Ich bin in der Bibliothek von Alexandria. Mein Adjutant ist ebenfalls hier. Zusammen durchsuchen wir alle Schriftrollen, die seit unserem letzten Besuch hier hinterlegt wurden. Jedes Schiff, das den Hafen von Alexandria anläuft, ist verpflichtet, seine Logbücher und Kartographien hier abzugeben, ebenso wie jede Karawane. Schreiberlinge kopieren alle Schriften und hinterlegen diese Kopien dann in der Bibliothek, wo Gelehrte wie ich sie einsehen können. Ich hoffe immer noch, in einer dieser Schriftrollen eine Erwähnung über tragfähiges Glas zu finden oder über die Entwicklung von etwas anderem, das zwar genauso durchsichtig ist wie Glas, aber wesentlich härter.
Mein Blick fällt auf eine der Bibliothekarinnen. Sie sieht aus wie Kleopatra*, die von den Alexandrinern oft auch abfällig als die Syrerin bezeichnet wird. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, die Bibliothekarin ist ihre Zwillingsschwester! Ich glaube, die Bibliothekarin weiß um ihre Ähnlichkeit mit der Königin, deshalb auch ihre Zurückhaltung. Wahrscheinlich erfährt auch sie die gleiche ablehnende Haltung wie ihre Doppelgängerin!
Mir wird bewusst, dass ich sie wieder einmal angeschmachtet habe. Ich bin mir sicher, dass ich ein wenig Freude in ihr tristes Dasein bringen könnte! Dann höre ich, wie mein Adjutant sich räuspert und ich spüre seinen missbilligenden Blick. Mein Adjutant wirft mir vor, es ginge mir nur noch um die Reisen zu ausgewöhnlichen Bauwerken oder neuen Entdeckungen und nicht mehr um das Bauvorhaben meiner ― unserer ― Vision! Insgeheim frage ich mich, wann aus meiner Vision, unsere Vision wurde und wann aus unserer Vision, seine Vision wird!
Mein Adjutant wirft mir auch vor, immer mehr dem Laster zu frönen: Essen, Wein, Huren! Vielleicht hat er ja Recht? Ich habe mittlerweile die ganze bekannte Welt bereist und das mehrmals. Ich war in Rom und Athen. Ich war auf dem schwarzen Kontinent und im Reich der Mitte — aber nirgends, nirgends habe ich ein Bauwerk entdeckt, welches meiner Vision gleichkäme. Ich fühle, mir läuft die Zeit davon! Obwohl ich noch in der Blüte meines Lebens stehe — die Fertigstellung meines Sonnenhauses würde ich wohl nicht mehr miterleben, selbst wenn ich mein Problem mit den Fenstern jetzt sofort lösen könnte! Vielleicht reise ich also wirklich nur noch, um der Reise willen?
Ich weiß, dass es das Bauwerk meiner Vision nicht gibt. Es muss noch gebaut werden. Aber ich fühle auch immer mehr, dass ich nicht sein Erbauer sein werde. Zu sehr spreche ich dem guten Essen, dem Wein und den Frauen zu. Außerdem hat sich meine Leibesfülle noch einmal vergrößert, sodass mir auch das Reisen immer schwerer fällt. Wenn ich ehrlich bin, liege ich am liebsten den ganzen Tag auf einem Divan und lasse mir von einer nackten Schönheit Wind zu fächern, während eine andere mich mit süßen Nüssen und Datteln füttert oder mir Wein nachschenkt. Zum Teufel mit meiner Vision und zum Teufel mit meinem Adjutant!

Zeitsprung: Ich liege auf einem prächtigen Bett und lasse mich von zwei Schönheiten gerade oral befriedigen. Zuerst denke ich, dass ich mich wieder selbst in einem Baldachin aus Bronze oder Kupfer sehe, aber dafür ist das Bild, das ich wahrnehme, einfach zu scharf! In solcher Schärfe und Genauigkeit habe ich mich noch nie gesehen und ich erschrecke ein wenig. Dieser riesige Fleischberg auf dem Bett, bin das etwa ich? Mein gigantischer Bauch hängt nun zu beiden Seiten herab, ebenso wie meine Brüste! Die beiden Schönheiten müssen meine „Schwarte“ hochschieben, um überhaupt… . Angewidert wende ich meinen Blick von mir ab.
Dann höre ich einen Schrei! Eine der beiden Schönheiten hat ihn ausgestoßen. Die andere fängt gleich darauf an, mich zu schütteln. Dann weichen beide zurück, laufen zur Tür, ich bin allein mit mir. Wie habe ich nur so fett werden können? Dabei bin ich doch noch relativ jung! Ich nehme mir vor, in Zukunft etwas weniger zu essen. Vielleicht sollte ich eine Zeit lang auf die kandierten Früchte verzichten? Ich betrachte mich ein wenig intensiver — mehr aus der Nähe. Nun gut, ich mag zwar ein wenig zu dick sein, aber ich habe immer noch prachtvolles Haar! Meine schwarzen Locken reichen bis auf meine Brust. Einige meiner Brusthaare sind jedoch mittlerweile ergraut, genauso wie einige meiner Locken.
Jemand betritt den Raum und ich weiche automatisch wieder ein wenig vor mir selbst zurück. Es ist mein Adjutant, der da hastigen Schrittes den Raum betritt. Dann stürzt er an mein Bett. Er rüttelt und schüttelt mich ebenfalls. Hin und her gerissen, zwischen Amüsement und Ärger, frage ich mich langsam, was das soll! Anscheinend bin ich eingeschlafen — also lasst mich doch einfach in Ruhe! Dann legt mein Adjutant auch noch seinen Kopf auf meine Brust und fängt gleich darauf bitterlich an zu weinen. Seine dünnen Arme umfassen mich. Irgendwie habe ich es immer gewusst, dass er heimlich in mich verliebt ist.
Während ich uns so, von oben herab betrachte, sehe ich auch, dass sein Kopfhaar sich schon gelichtet hat — obwohl er wesentlich jünger ist als ich. Ganz oben auf seinem Kopf hat er eine große, kreisrunde, kahle Stelle! Ich verkneife mir ein Grinsen. Tja mein guter, armer Adjutant. Da hat er sein Leben lang asketisch auf sämtliche Freuden verzichtet und dann fallen ihm auch noch die Haare aus! Mir fällt wieder ein, dass meine Mutter mir früher die Haare mit meinem eigenen Urin gewaschen hat. Das half gegen Ungeziefer und sorgte dafür, dass meine Haare so prächtig und voll wurden. Leider hat meine Mutter nie die Zeit festgehalten und so weiß ich nicht genau, wie alt ich wirklich bin.
Mir kommt ein irrer Gedanke: Vielleicht sollte ich meinem Adjutant von hier oben einfach mal auf den Kopf pinkeln? Bei der Vorstellung muss ich lachen. Dann kommt mir ein anderer Gedanke — nicht weniger irr als der vorangegangene. Aber wie kann es sein, dass ich gleichzeitig hier oben und da unten bin? Und wieso hört mein Adjutant nicht auf zu weinen?
Und dann ist plötzlich meine Mutter da! Meine Mutter, die starb, als ich noch ein ganz junger Mann war. Ich habe meine Mutter so sehr geliebt! Keine andere Frau konnte ihr jemals das Wasser reichen und wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum ich mich nie vermählt habe. Meine Mutter lächelt mir zu und nimmt meine Hand. Komm, höre ich ihre Stimme und dann zieht es mich fort.

(*Hier ist die Rede von Kleopatra der Ersten, nicht zu verwechseln mit der berühmten Kleopatra III. Kleopatra die Erste lebte von ca. 204-176 v.Chr.)

Kapitel 5

Ich muss wohl wieder geträumt haben, denn das Buch liegt aufgeschlagen, aber mit dem Gesicht nach unten, auf meiner Brust. Oben auf dem Buch sitzt der kleine Gecko und beäugt mich neugierig. Es ist wieder dunkel, doch seine grüne Haut schimmert fast neonfarben, im Licht des Mondes.
Ich erinnere mich an den Traum. In dem Traum war ich unglaublich fettleibig — trotzdem empfand ich es nicht wirklich als unangenehm. Zu der Zeit damals entsprach Fettleibigkeit einem Schönheitsideal. Zudem zeugte es von Wohlstand. Es war ein angenehmes und sorgenfreies Leben, das ich da geführt hatte. Schade nur, dass ich die Zeit nicht mehr hatte, um meiner Vision — einem Hochhaus, wie man wohl heute sagen würde — Leben einzuhauchen.
»Zeit hattest du genug«, sagt mein Verstand, »aber du fröntest ja lieber dem Lotterleben und deiner Huldigung an Ishtar!«
»Ich weiß noch nicht einmal, wer Ishtar überhaupt ist«, erwidere ich empört.
»Ishtar ist die Göttin der geschlechtlichen Liebe, der Lust und des Genusses.«
»Aha! Und was soll ich mit dieser Erkenntnis? Tadelst du mich jetzt etwa für etwas, dass ich vor — was? — vor mehr als 2000 Jahren verbockt habe?«
Ich warte, aber es erfolgt kein Kommentar. Ausgerechnet jetzt, wo ich mich einmal dazu in der Lage fühle, die Konfrontation einzugehen und mich mit alledem auseinandersetzen möchte, ausgerechnet jetzt, kommt kein Kommentar! Typisch! Ich atme einmal tief durch. Oder jedenfalls mache ich die Bewegung und mein Brustkorb hebt und senkt sich. Das Buch auf meiner Brust bewegt sich dadurch. Es fällt fast auf den Boden und dadurch wird wiederum der Gecko aufgescheucht und krabbelt vom Buch über meine Schulter — und weg ist er. Kettenreaktion, denke ich. Kettenreaktion geht aber nur mit Schwerkraft. Und nur feste Materie hat der Schwerkraft zu gehorchen — außer es handelt sich um feste Materie mit Flügeln. Egal, ob Flugzeug oder Vogel. Ob Engel deshalb Flügel haben, weil selbst im Jenseits das Gesetz der Schwerkraft herrscht?
Meine Gedanken kehren zurück in das Leben, dass ich als reicher Sultan führte. Ja, diese Formulierung trifft es ganz genau: Meine Gedanken kehren zurück „in das“ Leben und nicht „zu dem“ Leben. Die richtigen Formulierungen sind hier besonders wichtig. Alles wird eruiert und seziert, nicht nur die Schwerkraft. Viele Einzelheiten, die im Traum gar nicht auftauchten, sind jetzt nämlich trotzdem total präsent: So wie zum Beispiel das Wissen, dass ich als einziger Sohn eines mächtigen, persischen Sultans geboren worden war. Mein Vater hatte mich schon früh zu einem Mausoleum mitgenommen, das als Grabmal für einen persischen König diente. Als Kind verbrachte ich endlose Stunden auf den Knien und im Gebet zu den Göttern, in diesen klammen, düsteren Wänden! Das Gebäude war kalt und muffig und ich dachte mir, wenn es nur mehr Öffnungen hätte, damit ein wenig Licht und Sonne hineinkönnte.
So entstand meine Vision. In den vielen Stunden, während die anderen Männer um mich herum beteten, drifteten meine Gedanken ab und in meinen Gedanken erschuf ich das Sonnenhaus. Ich erlernte die Kunst der Architektur und dadurch traf ich auch meinen späteren Adjutanten, den ich von meiner Idee, eines hohen Hauses mit vielen Fenstern, begeistern konnte. Fortan wurden wir unzertrennlich. Zusammen entwarfen wir auch mehrere persische Tempel: quadratische, fensterlose, „seelenlose“ Kuppelbauten.
Doch all unsere Pläne, ein sehr hohes Gebäude mit vielen großen Fenstern zu erbauen, scheiterten. Jede Konstruktion stürzte in sich zusammen. Mit den Jahren verlor ich immer mehr das Interesse an meiner Vision und meine Vision wurde mehr und mehr zur Vision meines Adjutanten. Ich wandte mich stattdessen den schönen und leichten Dingen des Lebens zu und fing an, meinen Adjutant für seinen Eifer immer mehr zu verachten. Er erinnerte mich an mein schlechtes Gewissen. Meine Eltern hatten mich nicht zum Müßiggänger erzogen. Ich verspottete den Fleiß und die Kreativität meines Adjutanten. Ich sagte, sie zermürbe ihn und deshalb sähe er auch so ausgemergelt und kränklich aus. Ich hingegen war ein stattlich anzusehender Mann, der vor Kraft und Gesundheit strotzte! —Dachte ich zumindest.
Nie im Leben hätte ich es für möglich gehalten, dass ich zuerst aus dem Leben scheiden würde. Ich dachte, ich hätte noch Zeit. Zeit meiner Vision neues Leben einzuhauchen. Stattdessen hauchte ich das meine aus.

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Während ich so auf meiner Liege liege, die jetzt genaugenommen wieder zur Mondliege avanciert ist, spüre ich auch, dass der Adjutant und Singh ein und dieselbe Seele beherbergten. Ich weiß, dass ich diese Seele schon seit Ewigkeiten kenne und dass wir uns im Laufe unserer Inkarnationen immer wieder begegneten. Ob es so etwas wie eine Seelenfamilie tatsächlich gibt? Ob Singhs Seele und meine derselben Seelenfamilie angehören? Wer noch könnte dazugehören?
Ich lausche in mich selbst, doch ich bleibe mir die Antwort auf diese Fragen schuldig und auch mein Verstand sagt nichts.
Hatte ich in meiner Inkarnation als persischer Architekt versagt, weil ich das Sonnenhaus nie gebaut hatte? War es das Ziel dieses Lebens gewesen, ein solches Bauwerk zu errichten? Wäre es mir, mit dem damaligen Wissen und den damaligen Mitteln, überhaupt möglich gewesen, ein solches „Hochhaus“ zu bauen? War es meinem Adjutant nach meinem Tod gelungen? Wahrscheinlich nicht, denn von so einem Bauwerk, aus der damaligen Zeit, hätte die Menschheit auch noch zur Zeit meiner letzten Inkarnation gesprochen. Genau wie die Pyramiden oder die Hängenden Gärten, wäre ein solches Bauwerk wohl in die Liste der Weltwunder aufgenommen worden. Dann hätte es statt sieben Weltwundern acht gegeben!
Ich denke eine Weile darüber nach. Was hatte der Reinkarnationstherapeut damals über Karma gesagt? Hatte ich schlechtes Karma auf mich geladen, als ich mich als persischer Architekt dem Laster hingab? Gab es überhaupt so etwas wie schlechtes Karma? Gab es überhaupt so etwas wie Karma? Und wenn ja, gab es vielleicht auch so etwas wie eine Verjährungsfrist dafür? Wenn es mir als frühzeitlicher Architekt, von den Mitteln und dem Wissensstandpunkt her, gar nicht möglich gewesen wäre, das Sonnenhaus zu erbauen — was wäre denn dann meine Lebensaufgabe gewesen? Und wieso träumte ich ausgerechnet jetzt von dieser Inkarnation? Wieso davon, wo sie doch schon so entsetzlich lange zurücklag! Wieso nicht von einer anderen — Zeitgemäßeren?
Ich hatte so eine Vermutung, dass da noch ganz viele andere Erinnerungen, an frühere Inkarnationen, auf mich warteten. Musste oder konnte ich so lange hierbleiben, bis ich all diese früheren Inkarnationen erneut, in meinen Träumen, hatte Revue passieren lassen? Wie viele Inkarnationen ich wohl schon gelebt hatte?
Ich wünsche, mein Verstand hätte nun eine Antwort parat gehabt!
»Schön dass du anfängst, dich wenigstens mit dir auseinanderzusetzen«, sagt mein Verstand. Diese Bemerkung macht mich stutzig und ich frage: »Wieso sagst du, „wenigstens mit dir“? Womit soll ich mich denn noch auseinandersetzen? Ist außer mir etwa noch jemand hier?«
Doch mein Verstand antwortet nicht mehr.

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Ich lasse es wieder hell werden und flüchtete mich erneut, in die für mich so reale Welt des Bestsellers. Ach wie herrlich vertraut kommt mir alles darin vor! So zum Greifen nahe! So lebensecht und wirklich! In dem Roman wurde gegessen und getrunken. Man liebte sich und man hasste sich. Man redete. Plötzlich fehlt mir die Gesellschaft eines Wesens aus Fleisch und Blut.
»Aus Fleisch und Blut — zumindest im metaphorischen Sinne«, sage ich zu mir selbst. War ich hier wirklich ganz alleine? Abgesehen von dem Huhn und dem Gecko? Was hatte mein Verstand gemeint, als er sagte, „wenigstens mit dir“? Wollte ich überhaupt andere Gesellschaft? Und wenn ja, von wem?
Irgendwie ist das alles immer noch sehr, sehr anstrengend für mich. So detailliert will ich mich noch nicht damit auseinandersetzen. Vielleicht später. Jetzt hätte ich lieber eine Ablenkung! Etwas das mich auf andere, leichtere Gedanken brachte.
»Genauso hast du dich als persischer Architekt auch verhalten!«
Zuerst bin ich überzeugt, mein Verstand hätte mir diese Behauptung eingegeben, doch ich bin es selbst, die da wieder laut gedacht hat. So zu tun, als hätte man seinen Verstand nicht gehört, ging ja noch. Aber so zu tun, als hätte man sich selbst nicht gehört, grenzte an Schwachsinn. Trotzdem. Heute will ich noch davonlaufen und mich auf nichts weiter konzentrieren — außer vielleicht darauf, ob ich etwas essen könnte. Nicht, dass ich Hunger gehabt hätte. Aber ich verspüre jetzt schon so etwas wie Appetit auf etwas Leckeres! Morgen, ja morgen würde ich damit anfangen, mich mit dem „Sinn des Lebens“ auseinanderzusetzen.
»Hier gibt es kein heute und auch kein morgen. Kein gestern. Hier gibt es nur Raum, keine Zeit«, sagt mein Verstand. Plötzlich meldet er sich wieder zu Wort. Warum tut er das nur, wenn er will und nicht auch dann, wenn ich es will? Wie kann es sein, dass mein Verstand hier so ein penetrantes Eigenleben entwickelt hat?
Zugegeben, auch zu Lebzeiten oder sollte ich besser sagen, „zu Inkarnationszeiten“ auf der Erde, hatten mein Verstand und ich schon so einige Diskussionen geführt. Mein Verstand war, so wie es sich für einen gesunden Verstand wohl gehörte, ein eher nüchterner Charakter ohne viel Phantasie, dafür aber mit umso mehr Logik. Ich hingegen war der Bauchmensch gewesen, der sich lieber auf seine Intuition als seinen Verstand verlies, auch wenn die Intuition manchmal etwas signalisierte, dass eher unlogisch oder gar fatal erschien. Aber da ich in einer materiellen Welt, wie der Erde, nun mal das Sagen hatte, hatte ich letztendlich immer das getan, was meine Intuition vorschlug. ―Selbst wenn mein Verstand sich manchmal ganz schön heftig dagegen wehrte und mir dann zum Beispiel einen Migräneanfall bescherte! Jedenfalls war das die Erklärung der Psychologin für meine Kopfschmerzen gewesen. Sie hatte gesagt, dass mein Körper so gegen gewisse Handlungen oder Entscheidungen rebelliere, die ich treffen würde: Dinge die ich tat, wohlwissentlich, dass sie falsch waren.

War es das gewesen, was mein Verstand gemeint hatte, als er sagte, „wenigstens mit dir“? Ging es darum, dass ich mich auch mit „ihm“ auseinandersetzte? Oder mit „uns“ ― ihm und mir? Aber war das letztendlich nicht ein und dasselbe? Waren mein Verstand und ich nicht „eins“? Aber vielleicht war das ja auch bloß wieder ein weiteres Paradoxon!
Ich weiß, mein Verstand hat zugehört, doch er erwidert nichts.
»Wie du willst«, erkläre ich stattdessen. »Dann gehe ich jetzt und esse ein Eis ― und spare dir dazu bitte auch deinen Kommentar! Ich weiß selbst, dass nur ein biologischer Organismus nach Nahrung verlangt, aber kein Haufen Neutrinos! Trotzdem verspüre ich gerade einen tierischen Appetit auf einen Becher Ben & Jerry’s! Und ich gehe jede Wette mit dir ein, dass sich in der Küche des Strandhauses auch ein Kühlschrank mit Gefrierfach befindet und ich wette ebenfalls, dass darin auch ein Becher Eis auf mich wartet!«
Mit diesen Worten springe ich von der Liege und tue so, als könnte ich meinen Verstand einfach am Strand stehen lassen. So als sei er ein Individuum, und nicht ein Teil von mir. Ist er das wirklich ― bloß ein Teil von mir?
Ich eile zum Strandhaus und in die Küche. Ich weiß genau, wo der Kühlschrank zu finden ist. Ich öffne das Gefrierfach und wundere mich nicht im Geringsten, darin einen Becher Ben & Jerry’s — noch dazu meine Lieblingsgeschmackrichtung, Chocolate Cherry Garcia — zu finden. Ich nehme einen Löffel aus einer Schublade und setze mich mit dem Eis auf einen der beiden Barhocker am Küchenfenster. Dann reiße ich den Deckel ab und koste das Eis. Natürlich weiß ich genau, wie das Chocolate Cherry Garcia-Eis von Ben & Jerry’s schmecken muss. Und tatsächlich intensiviert sich irgendwie, während des Essvorgangs, die Erinnerung daran.
Trotzdem komme ich mir vor wie ein Pantomime. Genau wie alles andere hier, besteht nämlich auch das Eis, aus Molekülen und Moleküle schmecken anscheinend nach gar nichts! Ich hätte mir auch ein halbes Hähnchen oder eine Currywurst mit Pommes wünschen und kreieren können. Ja wahrscheinlich könnte ich sogar das Strandhaus in das Sonnenhaus verwandeln, das ich als persischer Architekt nie gebaut hatte!
Hier war es wunderschön, aber nur, weil ich es mir vor meinem Tod, in meiner letzten Inkarnation, so gewünscht hatte: So hatte ich mir das Paradies vorgestellt oder zumindest den Ort, an den ich gehen würde, nachdem meine menschliche Hülle verstorben war.
Durch das Küchenfenster sehe ich den Strand und auch die Sonnenliege. Ich bilde mir ein, meinen Verstand sehen zu können, wie er immer noch vor der Liege steht. Komischerweise sieht er aus wie eine männliche Statue, aus Stein gemeißelt! Ich sehe auch das Buch.
Warum konnte ich hier ein Buch lesen und es fühlte sich genauso „real“ an wie früher, als ich noch einen Körper aus Fleisch und Blut hatte? Und warum fühlte sich Eis essen hier so — so nachgemacht an?
»Weil du nicht mehr fühlen kannst, im taktilen Sinne, und damit kannst du auch nicht mehr schmecken. Du spürst das Eis in deinem Mund, weil du weißt, wie sich Eis in einem Mund anfühlt. Hingegen ist ein Buch lesen etwas, dass sich bloß in Gedanken abspielt und dabei geht es um die Gefühle, nicht um das Fühlen.«
So viel dazu, dass mein Verstand immer noch vor der Liege steht, denke ich leise. Laut denke ich: »Aber ich höre doch auch das Rauschen des Meeres und ich spüre die Wärme der Sonne. Sind das alles denn nur Erinnerungen?«
Ich kann wieder spüren, wie mein Verstand nickt.
»Ja. Und hier ist alles genau so, wie du es haben wolltest. ―Allerdings unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es hier keine feste Materie gibt. Jedenfalls nicht so wie auf der Erde. Alles was du dir hier erschaffen hast besteht aus Molekülen: das Eis, das Strandhaus und die Palmen. Ja sogar das Meer, der Himmel und sogar dein menschliches Erscheinungsbild. Deshalb wirft auch nichts einen Schatten. Nur feste Materie hat auch einen Schatten.«
Ich denke einen Moment darüber nach.
»Aber hast du nicht auch gesagt, dass ich — wie waren deine Worte? — aus „blutleeren Neutrinos“ bestünde? Ein Neutrino hat aber noch eine gewisse Menge an Gewicht — oder an nachweisbarer fester Masse!«
Erneut spüre ich, wie mein Verstand nickt.
»Ja, aber das ist nicht das, was dich jetzt beschäftigen sollte. Denn du hast immer noch keinen blassen Schimmer, warum du überhaupt hier bist.«
»Also gut, dann sag mir doch einfach, warum ich hier bin«, antworte ich. »Vielleicht kann ich den Wald ja tatsächlich vor lauter Bäumen nicht sehen. Oder sollte ich besser sagen, „können wir den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen!“«

Kapitel 6

Ich bin wieder ein Mann. Komisch, in meiner letzten Inkarnation war ich eine Frau und ich hatte mich als solche auch sehr wohl gefühlt. Auch hier im Jenseits, und in meinem „selbsterschaffenem Paradies“, habe ich eine weibliche Gestalt. —Genaugenommen sehe ich genauso aus wie in meiner letzten Inkarnation. Wenn auch so wie in jüngeren Jahren. Zuerst denke ich sogar, ich sei jetzt der goldene Mann, aus meiner Inkarnation als Boy. Wenn ich an mir herunterblicke, sehe ich jedenfalls Knickerbocker und lange Stiefel aus braunem Leder. So wie es auch der goldene Mann getragen hatte — und wenn ich meinen Blick schweifen lasse, sehe ich Afrika.
Ich weiß nicht, woher ich weiß, dass es Afrika ist und nicht beispielsweise Australien. Irgendetwas sagt mir, das ist Afrika! Und irgendetwas sagt mir, ich kenne diesen Mann! Nicht, weil ich einmal er war, sondern, weil ich sein Bild kenne. Aber ich bin mir dessen noch nicht ganz sicher. Dafür müsste ich seine, ich meine „meine“ Hände sehen. Doch im Moment höre ich mich nur lachen. Das Lachen ist sehr sympathisch. Obwohl es sehr selbstbewusst klingt hat es nichts Überhebliches. Jemand mit einem solchen Lachen kann Berge versetzen.
Ich stehe breitbeinig in einer Savanne, die Hände in den Hüften. Ein Tropenhut schützt meinen Kopf vor der gleißenden Sonne. Links am Gürtel trage ich eine Pistole. Der Grund, warum ich lache, ist eine Gruppe von Erdhörnchen. Diese putzigen, kleinen Geschöpfe! Hin und her gerissen, zwischen ihrer krankhaften Neugier und der Furcht, dass eben diese Neugier sie irgendwann ihr Leben kosten könnte. Die Erdhörnchen und ich haben definitiv etwas gemeinsam.
Ich bin Arzt und deutscher Offizier. Im Auftrag der Afrikanischen Gesellschaft in Deutschland bereise ich Deutsch-Ostafrika. Oder besser gesagt, „bereisen wir“ Deutsch-Ostafrika. Ich bin Teil einer Expedition. Unsere Hauptaufgabe besteht darin, die Kolonisierung voranzutreiben. Aber wenn wir ehrlich sind — das was uns wirklich reizt, ist die Großwildjagd! Deshalb sind wir auch heute hier draußen. Wir alle wollen einen Elefanten erlegen! Wir alle, das sind außer mir auch noch vier andere Expeditionsteilnehmer. Drei sind ebenfalls Offiziere des deutschen Kaiserreiches, einer ist ein deutscher Geschäftsmann und in meinen Augen ein Abendteurer. Doch ausgerechnet mit ihm verstehe ich mich am besten.
Unsere Träger, allesamt Angehörige der Khoikhoi, sind unruhig. Genauso unruhig wie die Erdhörnchen. Ihr Fetisch hat ihnen gesagt, heute sei kein guter Tag zum Jagen. Die Khoikhoi sind äußerst abergläubisch. Auch unsere Jagdhunde, die sogenannten Ridged Khoikhoi Dogs, sind nervös. Ich mag diese Hunde. Es sind sehr große, schöne und mutige Tiere. Ihr Fell und ihre Augen sind bernsteinfarben und wenn sie sich an eine Löwin heranschleichen, verschmelzen sie komplett mit ihrer Umgebung. Ähnlich wie die Löwen selbst. Die einzige Überlebenschange eines Ridgebacks besteht darin, schneller zu sein als die Löwen! Nur wenn der Ridge es hinter die Linie der Jäger schafft, ist er in Sicherheit. Er treibt die Löwen in ihre Richtung und damit genau vor die Gewehre der Jäger. So mancher Großwildjäger hat im Übereifer, oder schlichtweg aus Panik heraus, schon einmal einen der Hunde fälschlicherweise für eine Löwin gehalten und erschossen. Auch einer unserer Expeditionsteilnehmer hat vor ein paar Wochen versehentlich einen der Hunde erschossen. Eine Hündin — ich verachte ihn dafür. Die Weibchen sind viel mutiger als die Rüden und obwohl sie etwas kleiner und nicht ganz so schnell sind, sind ihre Überlebenschancen wesentlich höher als die der Rüden. Die weiblichen Ridgebacks sind einfach cleverer.
Aber ich interessiere mich nicht nur für die Hunde der Khoikhoi, auch dieses Volk selbst, ihre Sprache, ihre Kultur, ja sogar ihr Essen und vor allen Dingen ihre Medizin, interessieren mich. Wenn ich ehrlich bin, interessieren mich die Khoikhoi mehr wie die ganze Jagerei oder Kartographiererei! Meine Begleiter drängen darauf, die Jagd abzubrechen und wir kehren ins Lager zurück.

Zeitsprung: So warm es tagsüber auch ist, nachts fallen die Temperaturen bis an den Gefrierpunkt. Den ganzen Tag über bläst zudem ein warmer, kräftiger Wind, der den anderen Expeditionsteilnehmern jeden Tag aufs Neue migräneartige Kopfschmerzen beschert. Ich begleite diese Expedition auch als Arzt. Allerdings — gegen diese Art von Kopfschmerzen habe auch ich kein Mittel. Einer meiner Offizierskammeraden leidet auch an der Ruhr und der Missionar hat ganz offensichtlich Malaria. Nur ich bin immer noch kerngesund — abgesehen von meiner sporadisch auftretenden Melancholie.
Unter diesem immer wiederkehrenden Gefühl von Schwermut, einhergehend mit einem Gefühl von starker Erschöpfung und zugleich einer immensen Rastlosigkeit, leide ich allerdings schon mein ganzes erwachsenes Leben. Deshalb glaube ich auch nicht, dass es sich jetzt dabei um ein Symptom der „Afrika-Krankheit“ handelt. Irgendwie hatte ich jedoch gehofft, dass meine „Melancholie“ sich hier verflüchtigen würde. Leider ist dem nicht so und obgleich ich selbst Mediziner bin, habe ich bislang die Ursache hierfür nicht finden können. Ich fühle mich sehr glücklich hier in Afrika und doch war diese Melancholie heute Morgen, plötzlich und ohne Vorwarnung, wieder da. Es kostete mich enorm viel Kraft aufzustehen und mir nichts anmerken zu lassen. Zwei, drei Tage — dann ist der Spuk wieder vorbei. Manchmal frage ich mich jedoch, ob diese Melancholie nicht die Vorboten einer schweren Geisteskrankheit sind.
Und obwohl dies mein erster Aufenthalt in Afrika ist, kommt mir dieses Land doch so sonderbar vertraut vor. Ich kann es mir selbst nicht erklären, aber oftmals beschleicht mich das Gefühl eines Déjà-vus.
Unser Lager befindet sich ganz in der Nähe eines Khoikhoi Dorfes. Von hier stammen auch einige unserer Träger. Die Khoikhoi sind zuverlässig und ich empfinde sie — im Gegensatz zu den anderen Expeditionsteilnehmern — auch nicht als primitive Wilde. Ganz im Gegenteil! Der Medizinmann der Khoikhoi bereitet aus der afrikanischen Teufelskralle ein Pulver, das den Durchfall und die Magenkrämpfe, meines an der Ruhr erkrankten Kammeraden, gestoppt hat. Er hat auch ein Mittel gegen die Malaria, doch der bigotte Missionar weigert sich beharrlich es zu nehmen und bezeichnet es als „kannibalistisches Teufelszeug“.
Es ranken sich viele wilde Geschichten und Gerüchte um die Stämme im Inneren Afrikas. Aber wenn ich eines weiß, dann, dass die Khoikhoi keine Kannibalen sind. Wenn ich so darüber nachdenke, waren wir alle jedoch sehr naiv, was diese Reise betraf.
Erst jetzt merke ich, dass ich all das in ein Tagebuch geschrieben habe. Ich sitze auf einem Feldbett und schreibe meine Gedanken mit einem Füllfederhalter, der schrecklich über das Papier kratzt, in ein großes Buch. Ein Fläschchen mit Tinte steht auf einem schmalen Klapptisch, der mein Feldbett von einem anderen Feldbett trennt. Das Buch ist auch sehr dick und schon fast voll. Ich blättere zurück zum ersten Eintrag. Er handelt von der Einschiffung in Hamburg und das Datum liegt schon mehr als ein Jahr zurück. Ich denke zurück. Obwohl diese Expedition von Anfang an unter einem schlechten Stern stand, habe ich alles getan, um das Vorhaben durchzusetzen und dafür zu sorgen, dass man mich ebenfalls auf die Liste der Expeditionsteilnehmer setzt. Ich habe viel Lobbyarbeit betrieben, um diese Expedition durchzusetzen und um die nötigen Gelder dafür bewilligt zu bekommen. Etwas das mir zugegebenermaßen nicht sonderlich schwer gefallen ist. Man sagt über mich, ich hätte so etwas wie Charisma. Charme ist etwas das auf Frauen wirkt. Charisma wirkt auf Frauen und Männer gleichermaßen.
Egal ob es die Stürme auf See oder der anschließende, beschwerliche Weg ins Landesinnere waren. Ich erinnere mich, wie schwierig es war, genügend Träger zu organisieren und das viele von ihnen tatsächlich nicht sehr zuverlässig waren. Wir hatten Unmengen von Gepäck dabei! Nicht nur unser eigenes, sondern vor allen Dingen auch Geschenke für die Häuptlinge und natürlich Waren, um die Träger zu bezahlen. Mit billigen, bunten Glasperlen kommt man in Afrika immer noch weiter als mit einer soliden Deutschen Mark. Leider wiegen Glasperlen wesentlich mehr als Geld!
Mit einem Seufzer schlage ich mein Tagebuch zu und verstaue es unter dem Kopfteil der Matratze, in meinem Feldbett. So dient es mir, wenn ich schlafe, wenigstens noch als zusätzliches Kopfkissen. Ich liege gerne mit dem Kopf etwas höher — und vielleicht ist das ja auch der eigentliche Zweck und Nutzen meines Tagebuches: dass es mir als Kissen dient! Ich schreibe minutiös und gewissenhaft, frage mich aber warum.
Ich teile mir mein Zelt mit dem deutschen Geschäftsmann, worüber ich ehrlich gesagt ganz froh bin. Nicht auszudenken, wenn ich mein Zelt mit dem bigotten Missionar hätte teilen müssen! Ich bin zwar Offizier, aber nur, weil es Familientradition ist. Genauso wie es Familientradition ist, zu heiraten und Familie zu gründen. Im Herzen bin ich ebenfalls ein Abenteurer und deshalb wollte ich auch unbedingt mit auf die Expedition.
Wie immer, wenn ich nachdenke, drehe ich gedankenverloren an meinem golden Siegelring mit den Initialen RR. Dann holt mich plötzlich wieder diese Leere ein. Ich fühle mich matt und niedergeschlagen, sinke zurück auf mein Bett und falle in einen unruhigen Schlaf. Ich träume wieder diesen Traum, den ich auch auf der Überfahrt hierher geträumt habe. Dabei bin ich auch auf einem Schiff, allerdings hat man mich im Laderaum eingesperrt. Ich habe Todesangst und der Gestank der mich umgibt ist fürchterlich.

Zeitsprung: Ich trage wieder Uniform. Herrgott, wie ich sie hasse. Die Uniform ist unbequem. Ich vermisse mein einfaches, weißes Baumwollhemd und meine alten Knickerbocker. Ich bin wieder zurück in Deutschland. Drei Jahre war ich in Deutsch-Ostafrika und ich will nur eines: ich will zurück! Doch meine Befehlshaber haben andere Pläne. Sie möchten, das Afrika Deutsch wird. Überall in Deutsch-Ostafrika sind schon riesige Farmländereien, an deutsche Siedler, verpachtet worden. Aber es sollen noch mehr werden und dazu braucht man mich oder besser gesagt, mein Charisma.
Ich bin derjenige, der die Lobbyarbeit macht. Ich bin derjenige, der deutsche Bauern von der Herrlichkeit des schwarzen Kontinentes überzeugt. Kein Wort über die sengende Hitze, über die Unmengen von Fliegen, Moskitos, Ameisen und Sandflöhen. Kein Wort über fehlendes Trinkwasser, Krankheiten und aufständische Eingeborene, die sich um ihren Lebensraum betrogen fühlen und das nicht nur von den weißen Siedlern. Nein, auch unter den Stämmen gibt es immer wieder Kriege. Aber wer misstraut schon einem Arzt und Offizier? Noch dazu, wenn er in Uniform so blendend aussieht wie ich! Wenn alle Stricke reißen, lache ich und überzeuge so auch die größten Skeptiker. Nur leider überzeugt mein Lachen nicht mehr meine Vorgesetzten. Zu wichtig bin ich ihnen hier, als dass sie mich wieder zurückschicken würden. Niemand hat mehr Familien überzeugen können, nach Deutsch-Ostafrika auszuwandern als ich. Familien mit Kleinkindern, die hier alles aufgegeben haben — nur aufgrund meines Charismas und meines Lachens. Manchmal verabscheue ich mich selbst.

Zeitsprung: Ich bin nun älter. Seit meiner ersten Ankunft in Afrika sind fast 20 Jahre vergangen. Ich trage wieder ein weißes Hemd, Knickerbocker, Stiefel und einen Tropenhut. Ich atme auf. Ich bin wieder zu Hause, so eigentümlich dies auch klingen mag. Meine Tage als Offizier sind vorbei. Auch wenn es meinen Vorgesetzten nicht gefallen hat, aber sie haben mein Abschiedsgesuch unterzeichnet. Ich besitze jetzt eine, wenn auch für afrikanische Verhältnisse, eher kleine Farm, nahe Windhoek. Das Land hatte ich schon vor vielen Jahren gekauft. Es gehört allerdings zur Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Ich wollte nicht nach Deutsch-Ostafrika zurückkehren und Gefahr laufen, Siedlern zu begegnen, die ich durch mein Charisma ins Verderben stürzte!
Und ich habe eine Frau, sie ist Khoikhoi. Ihre Leute sagen, sie sei erleuchtet worden. —Ich weiß allerdings nicht genau, was sie damit meinen, außer vielleicht, dass meine Frau besonders reflektiert und ausgeglichen ist. Angeblich war sie aber nicht immer so und früher galt sie als wirr. Ich bin zufrieden und so glücklich, wie ich nur sein kann. Zwar leide ich immer noch unter den sporadisch auftretenden Anfällen von Melancholie, aber jetzt brauche ich mich dann wenigstens nicht mehr zu verstellen. Meine Frau weiß darüber Bescheid. Der Medizinmann ihres Stammes ist überzeugt, dass meine Seele die Ursache für den Schwermut und die „rastlose Erschöpfung“ ist. Er hat dafür seinen Fetisch befragt und danach erklärt, meine Seele habe nicht genug Kraft, weil ein anderer Körper diese Kraft innehätte. Und erst wenn dieser andere Körper sterben würde, könnte er die Geister bitten, mir mehr „Seelenkraft“ zukommen zu lassen. Ich halte viel von den Naturheilverfahren der Khoikhoi, allerdings ist ihr Glaube manchmal ein wenig abartig. So glaubt meine Frau daran, dass ihr Körper ein geistiges Wesen beherbergt, mit dem sie in einer Art Symbiose lebt. Vielleicht sind die Missionare ja deshalb so erfolgreich in Afrika, sie haben den Geistwesen der Khoikhoi einfach einen Namen gegeben: Heiliger Geist.
Vieles hat sich seit meiner ersten Ankunft hier verändert. Man könnte sagen, die Zivilisation hat Afrika erreicht. Und es herrscht Krieg. Krieg zwischen zwei Völkergruppen. Die deutschen Soldaten, die zum Schutz der Siedler hier stationiert sind, sind überfordert. Ich blicke gerade in das Gesicht eines ihrer Oberbefehlshaber. Er bittet mich, dass ich mich der deutschen Schutztruppe anschließe. Während ich nachdenke, drehe ich wieder an meinem golden Siegelring mit den Initialen RR. Obwohl ich Offizier war, habe ich nie in einem Krieg gekämpft. Aber es gibt auch viele Verwundete und ärztliches Personal fehlt ebenfalls.

Zeitsprung: Ich sehe, wie meine Feder über das Papier kratzt. Ich schreibe wieder in mein Tagebuch. Endlich ist der Krieg vorbei. Es war schlimm. Meine Frau ist bei den Überfällen ums Leben gekommen. Wir Deutschen haben uns mit einem der beiden sich bekriegenden Völkerstämme zusammengetan und gemeinsam den anderen Stamm so gut wie ausgerottet. Nichts worauf man stolz sein könnte. Ich habe die letzten drei Jahre in Feldlazaretten verbracht, doch ich war auch in Kriegshandlungen verstrickt. Ich habe Leben gerettet und Leben genommen. Endlich ist der Krieg vorbei. Ich kann es nicht oft genug wiederholen. Doch zu welchem Preis? Die Deutschen sind, trotz vieler Verluste, eindeutig die Sieger und die verbleibenden Afrikaner werden jetzt noch mehr unterdrückt als vor dem Krieg. Der Wiederaufbau hat bereits begonnen. Nur ich habe noch nicht angefangen, meine Farm wieder aufzubauen.
Ich fühle mich ausgelaugt und depressiv, meine Melancholie dauert nun schon über zwei Monate. Deshalb wohne ich jetzt in der Stadt und habe dort ein Zimmer im sogenannten „Gentlemen‘s Club“. Tony, der Eigentümer, ist Amerikaner. Er hat aus seiner Heimatstadt Chicago eine kleine Skulptur mitgebracht. Sie heißt „Die Antonyme des Denkers“ und stammt von einer Chicagoer Bildhauerin. Die Skulptur zeigt eine nackte Frau, in der berühmten Pose des Denkers. Laut Tony ist die Figur wie geschaffen für einen Gentlemen‘s Club, in dem Frauen keinen Zutritt haben und wir alle mögen sie! Meine Frau hätte gesagt, dass die Skulptur eine gute Aura habe. Ich sitze an der Theke und trinke meinen Whiskey, dabei proste ich der Antonyme des Denkers zu. Sie steht auf einem runden Tischchen, in der Mitte des Clubraumes. Kaum jemand kennt dieses Land so gut wie ich. Aber ich helfe lieber beim Wiederaufbau, indem ich meine Kontakte spielen lasse. Irgendjemand braucht immer etwas und ich weiß immer, wo dies zu bekommen ist. Der Tauschhandel blüht.

Zeitsprung: Ich atme auf, denn ich trage wieder mein weißes Hemd und die Knickerbocker. Ich weiß, es wird das letzte Mal sein. Dies wird mein letztes Abenteuer werden. Man hat Diamanten gefunden und ich beteilige mich am sogenannten „Diamantenrausch“ der nun Deutsch-Südwestafrika heimsucht. Meine Farm habe ich mittlerweile verpachtet. Ich lebe wieder in einem Zelt, draußen bei den Minen. Hier fühle ich mich wohl. Wenn mich meine Melancholie übermannt, bleibe ich einfach ein paar Tage im Bett! In der Nähe gibt es eine Kolonie Erdmännchen. Mindestens einmal in der Woche gehe ich hin und schaue ihnen zu. Oft nehme ich mein Tagebuch mit und mittlerweile haben sie ihre Scheu vor mir schon fast verloren. Neugierig beobachten sie, wie ich in mein Tagebuch schreibe und die Feder dabei über das Papier kratzt. Was das angeht, bin ich sehr altmodisch. Nie im Leben würde ich einen Bleistift benutzen. Wie so oft drehe ich an meinem goldenen Siegelring und überlege, was ich mit meinen Tagebüchern machen soll. Sie enthalten so viel Wissenswertes über Afrika. Sie nur als „Kopfkissen“ zu benutzen wäre fast eine Sünde.

Zeitsprung: Der Diamantenrausch hat mich zu einem reichen Mann gemacht. Trotzdem lebe ich wieder auf meiner Farm, obwohl ich auch immer noch mein Zimmer im „Gentlemen‘s Club“ besitze. Tony hat den Club mittlerweile verkauft — aber die Antonyme des Denkers ist immer noch dort. Ich reise immer zwischen der Farm und dem Club hin und her. Ich mag die Einfachheit der Farm, hier draußen legt niemand Wert auf Etikette oder Kleiderordnungen — auch meine neue Frau nicht. Der Farmer, dem ich die Farm schließlich verpachtet hatte, ist plötzlich gestorben. Zurück blieben seine Frau und zwei Kinder. Eins führte zum anderen und jetzt ist sie meine Frau, obwohl sie viel jünger ist als ich. Aber ich habe immer noch Charisma und wenn mich mal wieder meine Melancholie heimsucht, dann gebe ich vor, ein paar Tage in der Stadt zu tun zu haben und schließe mich in meinem Zimmer im Club ein. Sobald es mir wieder besser geht, gehe ich hinunter in die Bar, bestelle meinen Whiskey und proste der Antonyme des Denkers zu. Ich habe einige meiner Tagebücher nach Deutschland zu einem Verlag geschickt. Heute habe ich endlich Post erhalten. Man möchte meine Tagebücher als Buch herausbringen. Weil ich nicht gewillt bin, nach Deutschland zu reisen, wird ein Verlagsangestellter in Kürze hier eintreffen.

Zeitsprung: Endlich! Ich halte mein Buch in den Händen. Halb ist es ein Erfahrungsbericht, halb ist es ein Abenteuerroman geworden. Jedenfalls wird die Lektüre jedem zukünftigen Sieder das Leben in Afrika ungemein erleichtern. Wer das Buch gelesen hat, wird wissen, worauf er sich einlässt. Der Sendung Bücher liegt ein Scheck bei — und ein Brief meines Verlegers. Er bittet mich inständig, nach Deutschland zurückzukommen. Auch hier gibt es Gerüchte über einen neuen Krieg. Einen Krieg, der diesmal jedoch die ganze Welt betreffen wird — falls es wirklich dazu kommt! Irgendwie kann ich das nicht glauben und ich schiebe den Gedanken weit von mir. —Allerdings schicke ich den Scheck zurück nach Deutschland, zu meiner dortigen Familie, zusammen mit meinem goldenen Siegelring.

Zeitsprung: Ich bin krank und es geht mir sehr schlecht. Ich weiß, dass ich bald sterbe. Gottseidank. Ich befinde mich in einem Internierungslager. Der erste Weltkrieg ist wie ein riesiger und alles vernichtender Sandsturm über uns hereingebrochen. Meine Frau und ihre beiden Kinder haben den Angriff afrikanischer Truppen, die im Auftrag Englands Deutsch-Südwestafrika angegriffen haben, nicht überlebt. Ich habe immer noch das Bild vor Augen, wie meine Frau zuerst vergewaltigt wurde und man ihr dann, bei lebendigem Leibe, das Herz aus der Brust schnitt und es aufgegessen hat! Der Kannibalismus lebt, auch wenn ich es nie wahr haben wollte. Vielleicht lebe ich nur noch, weil ich Offizier war. Die englischen Besatzer versprechen sich jedenfalls wichtige Informationen von mir. Doch die werden sie nicht bekommen. Die letzten Monate erlebte ich wie in Trance, die Melancholie ist nun allgegenwärtig. —Zum ersten Mal heiße ich sie jedoch willkommen. Mein schweres Gemüt verhindert, dass ich all dies zu bewusst miterlebe. Alles ist wie in Watte gepackt, selbst die Stimmen der Engländer, die mich immer wieder verhören. Das Einzige was ich vermisse, ist mein Siegelring. Gedankenverloren greife ich immer zu dem jetzt leeren Ringfinger und drehe daran. Irgendwie habe ich manchmal das Gefühl, meine Hände und Arme verselbstständigten sich dabei. Vielleicht liegt es am Hunger — oder an dem, was ich mir selbst angetan habe. Dann denke ich an die Antonyme des Denkers und darin finde ich Trost.
Ich habe mehrmals Rattenkot gegessen und mich damit selbst vergiftet. Auch hierbei hat mir meine Melancholie sehr geholfen. Letztendlich war sie also doch für etwas gut! Ich erinnere mich auch an das, was der Medizinmann der Khoikhoi einst darüber sagte: Das meine Seele nicht genug Kraft habe, weil ein anderer Körper diese Kraft innehätte. Und erst wenn dieser andere Körper sterben würde, könnte man die Geister bitten, mir mehr Seelenkraft zu geben. Bedeutet das, wenn ich jetzt sterbe und dieser andere Körper noch lebt, er dann meine Seelenkraft bekommt? —Nun, von mir aus sei es so. Ich merke, wie meine Sinne schwinden. Ich weiß, es wird kein angenehmer Tod, aber ich will einfach nicht mehr.

Zeitsprung: Der Tod, er kommt jetzt unaufhaltsam näher. Mein inneres Auge lässt mein Leben noch einmal an mir vorüberziehen. So war es auch immer, wenn ich geschrieben habe. Während des Schreibens erlebte ich alles noch einmal, auch die schlechten Dinge. Trotzdem war ich beim Schreiben immer sehr glücklich — oder zufrieden. Ich wünschte, ich hätte mehr geschrieben. Viele Eingeborene, so auch die Khoikhoi, glauben, dass die Geistwesen, die ihre Körper beherbergen, wiederkommen — und damit auch ein Teil von ihnen selbst. Sollte mein Geistwesen je wiederkommen und damit auch ein Teil von mir, möchte ich wieder schreiben. Ich möchte mich wieder so glücklich und zufrieden fühlen wie beim Schreiben, aber ohne diese schreckliche Melancholie! Und ich möchte, das was ich schreibe, eine Bereicherung für andere ist.

Kapitel 7

Ich schrecke aus meinem Traum auf und meine Lippen formen einen Schrei, den niemand hört. Das Ende, in dieser ehemaligen Inkarnation, war wirklich alles andere als angenehm! Ich frage mich wirklich, was das soll? Warum die alten Geschichten wieder aufwärmen? Ist das etwa nach jeder Inkarnation so? Wozu das alles?!
Irgendwie bin ich verärgert. Ich spüre allerdings, dass der Charakter dieses deutschen Offiziers und mein Charakter heute, sich schon sehr ähneln. Als Boy war ich noch sehr naiv, obgleich auch schon sehr neugierig. Ich glaube, ich war immer schon sehr neugierig und sehr aufgeschlossen. Auch die Freiheitsliebe und der Drang, die Welt zu bereisen, waren wohl schon immer da! Meine Gedanken kehren zurück zur Inkarnation als persischer Architekt. Damals war ich auch sehr selbstgefällig und egoistisch. Oder sollte ich besser sagen: Damals war ich „noch“ sehr selbstgefällig und egoistisch? Keine Ahnung! Wo ist übriges mein Verstand, wenn man ihn mal braucht?
Ich analysiere weiter. Die Inkarnation als Architekt lag jedoch auch mit Abstand am weitesten zurück. Bedeutete das, ich hatte im Laufe der letzten 2000 Jahre auch so etwas wie einen „Läuterungsprozess“ durchlaufen? Immerhin behaupteten ja auch die Religionsgruppen, die an die Wiedergeburt der Seele glaubten, es ginge bei der ganzen Inkarniererei nur darum, dass die Seele an den Erfahrungen ihrer Inkarnationen wachsen könne.
»Wo blieb da der Spaß?«

Ich habe die Frage laut gedacht. Plötzlich denke ich wieder an das Eis. Unten auf der Erde hatte ein Eis einfach besser geschmeckt. Oder nicht besser, aber anders. Intensiver! Ja, intensiver traf es genau! „Hier oben“ war irgendwie alles wie aus Zuckerwatte. Natürlich konnte ich das Meer rauschen lassen und natürlich konnte ich ein Eis essen, aber letztendlich zehrte ich dabei doch nur von meinen Erinnerungen. Ich wusste, wie sich das Meeresrauschen anhörte und ich wusste auch, wie Eis schmeckte. Sehnsucht nach einem richtigen Eis wird wach!
»Aha«, macht mein Verstand und danach herrscht erneut Funkstille. Sei‘s drum, denke ich und sinniere weiter über den „Sinn des Lebens“.
Irgendwie auch wieder so ein Paradoxon: Sinn des Lebens! Ich weiß ja noch nicht einmal, was „Leben“ ist. Das „hier oben“ — auf einer geistigen, nicht-materiellen Ebene, des sogenannten Jenseits oder das andere, unten auf der Erde — auf einer materiellen Ebene, einem Planeten? Oder beides? Oder ist es bloß wieder Jacke wie Hose?
Ich weiß ja noch nicht einmal, wo genau mein selbsterschaffenes Paradies sich befindet! Mir fällt jedoch auf, dass ich in Gedanken diesen Ort jetzt immer als „hier oben“ bezeichne.
»Hier oben, ztz,« mache ich. Irgendwie gehen Geräusche „hier oben“ besser als Worte. Irgendwie spüre ich, dass Geräusche hörbar sind. Worte hingegen sind es nicht.
Vielleicht sollte ich doch mal schreien?

Und was das „hier oben“ angeht, das ist auch nur so ein Gespür ― nichts Bestimmtes. Vielleicht ist „hier oben“ in Wirklichkeit auch „ganz tief unten“ oder es befindet sich irgendwo dazwischen?
»Die Erde ist auch bloß eine Ebene. Eine Ebene von vielen! Und so etwas wie „Höhenunterschiede“, gibt es in der Wirklichkeit nicht«, sagt mein Verstand.
Diesmal bin ich es, der aha denkt: Aha, der Klugscheißer meldet sich auch wieder. Aber darüber will ich jetzt erst recht nicht nachdenken: Ob die Erde bloß etwas von vielen ist. ….Und Wirklichkeit?! Dass ich nicht lache! Wirklichkeit — was ist das schon? Wahrscheinlich auch bloß wieder eine Illusion! Und „hier“ bleibt für mich „hier oben“! Höhenunterschiede hin oder her und damit basta. Ich brauche so etwas wie einen Anhaltspunkt, selbst in einem unendlichem Raum ― oder gerade darum!
Auch wenn es wahrscheinlich unmöglich ist (oder selbst wenn, wäre es „hier oben“ wahrscheinlich nicht so tragisch), so spüre ich gerade doch ganz eindeutig, dass mir gleich der Schädel platzt!
Ich brauche Ablenkung. Irgendeine Ablenkung, bis dass meine kleinen, grauen Zellen wieder abgekühlt sind. Feinstofflichkeit und Neutrinos hin oder her, meine kleinen, grauen Zellen sind kurz vor dem durchglühen! Wo ist mein Buch? Ich habe es fast ausgelesen.

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Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist, aber ich habe das Buch ausgelesen. Auf der Erde hätte ich für das gesamte Buch zirka 15 Stunden benötigt. Das Buch ist wirklich ein ziemlicher Wälzer. Für diese letzten Seiten hätte ich zirka eine Stunde benötigt. Ich weiß, „hier oben“ spielt Zeit keine Rolle, aber ist jetzt auf der Erde trotzdem eine Stunde vergangen oder spielt das auch keine Rolle?
Was keine Rolle zu spielen scheint, ist meine Frage, denn ich erhalte keine Antwort. Ein Bild taucht vor meinem inneren Auge auf. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes das Bild von einem Bild. Das Bild ist alt, groß und schwarz-weiß. Es zeigt einen gutaussehenden, hochgewachsenen, schlanken, jungen Mann in weißem Hemd, Knickerbockern und braunen Stiefeln. Rechts und links neben ihm stehen afrikanische Eingeborene. Sie haben sich für die Aufnahme extra fein gemacht. Woher ich das weiß? Ich weiß es einfach! Die Eingeborenen sind wesentlich kleiner als der Mann mit dem strahlenden Lächeln. Obwohl das Bild schon so alt und vergilbt ist, hat sein Lächeln nichts von seiner Wirkung eingebüßt. Jemand mit so einem Lachen kann Berge versetzen.
Ich bin der Mann auf dem Bild und ich bin die Frau, die das Bild in den Händen hält. Wir beide haben den goldenen Siegelring mit den Initialen RR getragen. Und diesmal ist es nicht paradox. Ich habe das Bild in meiner letzten Inkarnation auf dem Dachboden meiner Großmutter gefunden. Es lag in einer alten Truhe, zusammen mit einem sehr alten Buch über Afrika. Der Autor trug ebenfalls die Initialen RR und war der Großvater meiner Großmutter.
Aber wie kann das sein, denke ich erschrocken. Doch diesmal ist es nicht nötig, dass mein Verstand mir auf die Sprünge hilft. Ich kenne die Antwort. Ich kenne die Antwort, weil mir einfällt, was ich als RR verdrängt habe und ich kenne die Antwort, weil ich rechnen kann. Nicht so gut, wie als persischer Architekt, aber dafür reicht es allemal!
Wie kann es sein, dass ich kein Mathegenie mehr bin, obwohl ich als persischer Architekt einmal eins war? Unwichtig, denke ich.

Als RR hatte ich Familie in Deutschland. Eine eigene Familie! Ich hatte eine Frau und einen Sohn — noch ein Säugling, damals bei meiner ersten Einschiffung von Hamburg nach Afrika. Plötzlich habe ich eine Ekmnesie: ich erlebe die Vergangenheit als Gegenwart. So ungefähr fühlt es sich auch an, wenn ich „hier oben“ von meinen früheren Inkarnationen „träume“. Diesen Teil meines Lebens als RR habe ich zu Lebzeiten immer verdrängt und auch in meinem „Traum“ war es mir hervorragend gelungen, diesen Aspekt vor mir selbst zu verschleiern. Selbstbetrug nennt man so etwas!
Irgendwie ärgert mich das. Wie kann man etwas vor sich selbst nur so dermaßen verschleiern oder verbergen — verdrängen? Es handelt sich ja hier nicht um ein traumatisches Erlebnis, dass man abgespalten hat, damit der Rest der Persönlichkeit überleben kann. Natürlich kann man etwas verdrängen, etwas für das man sich schämt. Aber deshalb weiß man doch noch immer, was Sache ist, auch wenn man nicht mehr hin sieht oder nichts mehr davon wissen will. Wissen tut man es dennoch! Oder? Tief in seinem Herzen weiß der Angeber doch auch, dass er bloß ein Angeber ist! Oder?
Mir kommt ein Satz in den Sinn, etwas dass RR in meinem „Traum“ gesagt hatte: „Ich bin zwar Offizier, aber nur, weil es Familientradition ist. Genauso wie es Familientradition ist, zu heiraten und Familie zu gründen.“ Jetzt weiß ich plötzlich, warum mein „Alter Ego“ so erpicht darauf gewesen war, selbst an der Afrikaexpedition teilzunehmen! Es war auch eine Flucht gewesen. Nicht ausschließlich eine Flucht, aber auch ein Ausweg, aus einem Leben mit einer Frau und einem Kind, die ich selbst beide nie gewollt hatte! So viel zur Weiterentwicklung oder Läuterung meiner Seele, denke ich sarkastisch.
Nun erinnere ich mich auch wieder an ein Gespräch mit meiner Frau in Deutschland, nach meinen ersten Afrikaaufenthalt. Eine Scheidung wäre zu den damaligen Zeiten nie eine Option gewesen, nicht bei meiner Herkunft und meinem Stand als Offizier. Aber das war für mich auch nicht wichtig. In Afrika spielte meine deutsche Ehe keine Rolle. In Afrika nahm Mann sich eine Frau, heiraten musste er sie deshalb nicht. Viele weiße Männer „hielten“ sich eine schwarze Frau. Es war gang und gäbe und wurde geduldet. Auch Begriffe, wie „Schwarze“ oder „Neger“, waren damals kein Tabu und niemals wäre mir in den Sinn gekommen, ein Rassist zu sein ― nur, weil die Ureinwohner Afrikas nicht die gleichen Rechte genossen wie die ausländischen Siedler und Kolonialherren.
Für meine Frau und meinen Sohn in Deutschland war jedenfalls gesorgt, erhielten sie doch meinen Offizierssold und wohnten sie in meinem Haus! Auch die Honorare, meines Buches über Afrika, ließ ich ihnen über meinen Agenten zukommen, ebenso wie meinen Siegelring. Obwohl ich mich nie persönlich um meinen Sohn gekümmert hatte, sollte er dennoch meinen Ring bekommen. Er war mein legitimer Erbe. ―Und so gelangte der Ring schließlich auch in den Besitz meiner Großmutter, die die Tochter dieses Sohnes gewesen war.
Irgendwie ist das wieder paradox: so gesehen war ich mein eigener Ururgroßvater. Und ich war, zumindest in meiner letzten Inkarnation, wieder in meine eigene Herkunftsfamilie hineininkarniert. Ich ahne, dass dies kein Zufall war. Aber an Zufälle hatte ich eh noch nie geglaubt! Warum war es also dann geschehen?

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Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich in meiner letzten Inkarnation, meiner Großmutter das Bild und das Buch gezeigt hatte. Beides hatte ich auf ihrem Dachboden gefunden. An meine letzte Inkarnation kann ich mich nämlich glasklar erinnern — dazu brauche ich nicht erst „wegzuträumen“.
Erst durch diesen Fund erfuhr ich nämlich auch, dass mein Ururgroßvater Offizier gewesen war und ein Buch geschrieben hatte. Meine Großmutter hatte dies nie zuvor erwähnt und immer behauptet, ihr Großvater sei ein Tunichtgut gewesen, der nach Afrika ausgewandert sei und seine deutsche Familie einfach im Stich gelassen habe. Sie hatte ihn auch immer dafür verantwortlich gemacht, dass ihr eigener Vater, und dadurch später auch sie selbst, in ärmlichen Verhältnissen aufwuchsen. Auch wieder eine Form des Selbstbetruges, wie ich jetzt wusste. Immerhin hatte RR der Familie damals seinen Sold und auch die Tantiemen seines Buches zukommen lassen. Doch nie wäre mir zu „Lebzeiten“ meiner letzten Inkarnation in den Sinn gekommen, meine Großmutter könnte diesbezüglich die Unwahrheit gesagt haben.
Jeder ist selbst seines Glückes Schmied, denke ich. Wie konnte jemand nur für sein eigenes Unglück jemanden verantwortlich machen, der zwei Generationen vor ihm gelebt hatte? Aber meine Großmutter war immer schon eher der mürrische und unzufriedene Typ gewesen. Jedenfalls hatte ich meine Großmutter damals gefragt, ob ich das Bild und das Buch behalten dürfte. Das Bild hatte mich sofort in seinen Bann gezogen und das Buch war irgendwie — wegweisend. Meine Großmutter hatte schließlich geantwortet, dass ich beides haben könnte und gemeint, irgendwie wäre ich meinem Ururgroßvater ja auch sehr ähnlich. Ich hatte gewusst, dass dies nicht als Kompliment gemeint gewesen war.
Nun spüre ich, wie mich dieser Frust, der meine Großmutter ein Leben lang begleitet hatte, einnebelt. Genau so war es auch früher gewesen, weshalb ich sie dann auch immer seltener besuchte. Auch hier hatte sie wieder Parallelen zwischen mir und meinem Ururgroßvater gezogen. Sie fühlte sich von mir im Stich gelassen. Sie sagte, ich hätte, genau wie mein Ururgroßvater, die Familie im Stich gelassen. Für alles Schlechte was meiner Großmutter in ihrem Leben widerfahren war, hatte sie immer meinen Ururgroßvater verantwortlich gemacht. Sie hatte ihn gehasst, obwohl sie ihn nie kennengelernt hatte — und diese Abneigung hatte sie später auf mich übertragen. So als ob sie instinktiv geahnt hätte, dass er und ich ein und dieselbe Seele waren, denke ich.
Die Ironie des Schicksals war jedoch, dass meine Großmutter zuallererst einmal von ihrem eigenen Ehemann und später auch von ihrem eigenen Sohn verlassen worden war. Dass die Ehefrauen meiner Herkunftsfamilie immer von ihren Ehemännern verlassen wurden, zog sich jedenfalls wie ein fetter, roter Faden durch die Ahnenreihen! Auch ich war davon nicht verschont geblieben. Zum Glück, wie ich jetzt „rückblickend“ allerdings bekennen musste.
In den Augen meiner Großmutter war ihr Ehemann jedoch bloß ein Versager gewesen und was ihren Sohn anging, so hatte sie auf diesen nie etwas kommen lassen! ―Obwohl er auch mich und meine Mutter hatte sitzenlassen, als ich noch ein Säugling gewesen war.
Dass mein eigener Vater mich ebenfalls verlassen hatte, als ich noch ein Baby gewesen war, war das vielleicht so etwas wie karmisches Schicksal? War es vielleicht die Strafe dafür, dass ich in einer früheren Inkarnation ebenfalls meinen Sohn verlassen hatte, als dieser noch ein Baby gewesen war? Stopp, denke ich. Im Gegensatz zu meinem Vater, hatte ich mich als RR allerdings dennoch um meinen Sohn gekümmert! Ich hatte zumindest dafür gesorgt, dass es ihm und seiner Mutter an nichts mangelte! Hingegen hatte mein Vater, in meiner letzten Inkarnation, sich nie um mich gekümmert ― in keinerlei Hinsicht. Er war dann bei einem Verkehrsunfall gestorben, als ich schon eine junge Frau gewesen war.
Warum hatte sich jetzt ausgerechnet das Leben gezeigt, dass ich als RR gelebt hatte? Ging es dabei um das Verlassen werden? War ich von meinem Vater verlassen worden, weil ich als RR meinen Sohn verlassen hatte? Was hatte der Reinkarnationstherapeut damals über Opfer und Täter gesagt? „Oft begegnen sich Opfer und Täter in anderen Inkarnationen wieder, nur dass dann das Opfer der Täter war“. Konnte es sein, dass mein Vater aus meiner letzten Inkarnation, mein Sohn gewesen war, als ich noch RR gewesen war? War ich deshalb in meine eigene Herkunftsfamilie zurückinkarniert, weil dort das Verlassen werden allem Anschein nach eine wichtige Rolle spielte? War das etwa alles meine Schuld, weil ich als RR meiner Intuition und nicht meinem Gewissen ― oder meinem Verstand ― gefolgt war?

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»Du hast das Richtige getan.«
Zuerst bin ich überrascht. Nicht nur, weil mein Verstand sich plötzlich wieder zu Wort meldet, sondern auch wegen seiner Worte. Mit allem hätte ich gerechnet ― bloß nicht damit!
»Wie meinst du das?«
»So wie ich es sage: Du hast das Richtige getan.«
»Als RR?«
Ich spüre, dass mein Verstand nickt, auch wenn das für mich immer noch außerordentlich paradox ist.
»Ja.«
»Aber ich habe meinen Sohn im Stich gelassen!«
Jetzt spüre ich, wie mein Verstand den Kopf schüttelt ― nicht, dass dies weniger paradox wäre.
»Du hast ihm alles gegeben was er brauchte, um sein Leben erfolgreich zu gestalten. Dass er im zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff ums Leben kam, war nicht deine Schuld. Es war auch nicht deine Schuld, dass seine Tochter daraufhin einen SS-Offizier heiratete.«
Noch so ein Tabuthema, über das meine Großmutter nie gerne gesprochen hatte! Meine Großmutter hatte ihren Vater abgöttisch geliebt. Welch tragisches Schicksal, dass er ausgerechnet beim ersten Bombenangriff, den die Alliierten 1939 auf Wilhelmshaven geflogen waren, ums Leben gekommen war! Ein Jahr später hatte meine Großmutter dann einen SS-Offizier geheiratet. Gleich nach dem zweiten Weltkrieg hatte dieser sich aber, bei Nacht und Nebel, abgesetzt. Zuerst nach Spanien und später nach Argentinien. So hatte meine Großmutter letztendlich den gemeinsamen Sohn, meinen Vater, alleine großziehen müssen und mit der Schmach gelebt. Ich konnte mir schon vorstellen, dass es für sie nie leicht gewesen war und das erklärte wohl auch ihre lebenslange Frustration.
»Aber wenn ich als RR alles richtig gemacht habe, warum hat sich sein Leben dann überhaupt gezeigt? Geht es hier nicht darum, das zu analysieren, was man falsch gemacht hat? Geht es hier nicht um, um ― Karma-Aufarbeitung?«
Ich höre, wie mein Verstand lacht.
»Karma ― so ein Blödsinn. Da gefällt mir das mit dem Opfer-Täter Prinzip schon besser.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Wenn eine Seele in ihren Inkarnationen Erfahrungen sammeln soll, an denen sie wachsen kann, dann geht das nicht nur mit positiven Erfahrungen. Um aber negative Erfahrungen zu machen, braucht die Seele nun mal auch andere Seelen die ― ich formuliere es mal so ― ihr auch die Möglichkeit dazu bieten, diese negativen Erfahrungen zu machen. Das heißt aber nicht, dass diese „Täter“ Seelen von ihrer Energie her Negativ sind. Deshalb bauen sie auch kein schlechtes Karma auf, ganz im Gegenteil. Letztendlich ist auch dies wiederum bloß eine Erfahrung, die die Seele macht.«
»Das heißt, eine Seele stellt sich mir als „schlechter“ Vater zur Verfügung, weil ich die Erfahrung machen soll, wie es ist ohne Vater aufzuwachsen?«
Mein Verstand nickt wieder.
»…und um mich zu revanchieren, stelle ich mich irgendwann auch dieser Seele „als Täter“ zur Verfügung?«, frage ich weiter.
»Nicht unbedingt dieser Seele, aber vielleicht einer anderen.«
»Aber heißt das nun, dass mein Vater, in meiner letzten Inkarnation, mein Sohn in meiner Inkarnation als RR war und er mich deshalb verlassen hat, weil auch ich ihn…«
»Nein«, mein Verstand unterbricht mich. »Wie du mir, so ich dir, gibt es nicht. Das wäre dann tatsächlich mit dem Begriff Karma zu umschreiben und das gibt es auch nicht. Es geht immer nur darum, anderen Seelen zu helfen — vor allen Dingen, wenn sie noch nicht erwacht sind.«
»Aber warum hat sich dieses Leben als RR denn dann gezeigt!« Langsam werde ich ungehalten.
»Erinnere dich an das, was deine Vision in deinem Leben als persischer Architekt gewesen war. Wie wolltest du dich damals selbst verwirklichen?«
»Du meinst das Sonnenhaus?«
»Du wolltest etwas für die Nachwelt hinterlassen. Nur leider waren deine Wünsche diesbezüglich so pompös wie dein Leibesumfang! ―Und ließen sich, zur damaligen Zeit, zudem auch noch nicht verwirklichen.«
Irgendwie verstehe ich nicht, auf was mein Verstand hinaus will. Mein Verstand scheint dies zu spüren.
»Als RR hast du etwas für die Nachwelt hinterlassen!«
»Du meinst das Buch über Afrika?«
Erneutes Nicken.
»Pfft – aber…«
»Nicht aber! Dieses Buch hat vielen Siedlern, auch in anderen Teilen Afrikas, lange Zeit viel Lehrgeld erspart, weil du deine Erfahrungen so minutiös aufgeschrieben hattest. Und es ist immer noch ein angesehenes, historisches Sachbuch, dass die Denkweisen von damals beschreibt und detailliert von den Zuständen berichtet, die damals in Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Südwestafrika herrschten.«
»Hm, aber es ist natürlich kein Vergleich, zu dem Vorhaben, ein Monument zu errichten. —Das Sonnenhaus wäre wahrscheinlich als weiteres Weltwunder in die Geschichte eingegangen!«
»Und genau da liegt dein Problem! Du bewertest alles im materiellen Sinne.«
»Aber warum bin ich dann, in meiner letzten Inkarnation, in meine eigene Herkunftsfamilie zurückinkarniert? War das lediglich ein dummer Zufall?«
»So etwas wie Zufälle gibt es genauso wenig wie Karma. Erinnere dich an deine Berufung, in deiner letzten Inkarnation. —Und an das, was letztendlich dafür auschlaggebend war, dass du ihr auch folgtest.«

Beruf vs. Berufung! Ja, ich erinnere mich. So lange ich denken konnte, hatte ich schon Schriftstellerin werden wollen. Leider hatte ich, seitens meiner Mutter, dafür nie Unterstützung erhalten, auch wenn ich schon in der Schule immer für meine Referate und Geschichten ausgezeichnet worden war. Ich solle etwas Solides lernen! Etwas von dem man später, als Frau, ein Leben finanzieren könnte — auch ohne Mann! Dies hatte meine Mutter immer gesagt. Auch mein Verstand hatte mir immer gesagt, dass Schriftstellerin zu werden, eine Schnapsidee sei und ich davon wahrscheinlich später nicht würde leben können!
Doch dann hatte ich auf dem Dachboden meiner Großmutter das Bild meines Ururgroßvaters gefunden und eine Ausgabe seines Buches. Sein Bild hatte mich vom ersten Augenblick an fasziniert, nur leider hatte ich sein Buch nie lesen können. Es war in altdeutscher Schrift geschrieben und hatte zudem einen nicht unerheblichen Wasserschaden davongetragen. Aber dass ich nicht die Erste in unsere Familie war, die schriftstellerisches Talent besaß, beflügelte mich. Und so war es auch sicherlich kein Zufall gewesen, dass ich das Buch und das Bild ausgerechnet in der Woche fand, bevor ich mein BWL Studium hätte anfangen sollen!
Betriebswirtschaft. Igitt. Nur der Gedanke daran reichte jetzt, um mich zu schütteln. Aber damals war ich jung gewesen. Ich hatte eigentlich nicht gewusst, was ich hätte studieren sollen, außer Germanistik. Doch dann hatten mir auch immer noch die Worte meiner Mutter in den Ohren geklungen, die mich alleine großgezogen hatte. Meine Mutter war Fußpflegerin und Nageldesignerin gewesen und wir waren mit ihrem Verdienst nur über die Runden gekommen, weil sie nach Feierabend und an den Wochenenden auch noch von zu Hause aus arbeitete! Deshalb hatte meine Mutter auch immer darauf gedrängt, ich sollte etwas Solides lernen. Und BWL war in den Augen meiner Mutter etwas sehr solides gewesen.
Wie außer sich sie doch gewesen war, als ich ihr sagte, ich hätte mich doch um entschieden und ich hätte meinen Studienplatz sausen gelassen ― zu Gunsten eines Germanistik- und Philosophiestudiums! Und erst ihr Toben, als ich ihr dann auch noch sagen musste, dass ich dafür jetzt natürlich (noch) keinen Studienplatz hätte. Also verdingte ich mich zuerst als freiberufliche Lektorin für Doktorarbeiten und Kellnerin, bis ich ein Jahr später mein Studium hatte aufnehmen können. Zu dem Zeitpunkt hatte ich mich mit meiner Mutter aber schon ziemlich überworfen. Und auch später, als ich schon in der Lage war, mir durch meine Bücher ein gutes Auskommen zu sichern, von dem dann auch sie profitierte, änderte das nichts mehr an unserer Beziehung. Meine Mutter hatte mir nie verziehen, dass ich dieses Risiko eingegangen war: ein solides Studium für ein „unsolides“ aufzugeben.
Damals hätte ich fast nicht auf meine Intuition gehört und einen riesen Fehler begangen! Ich hätte BWL studiert und wäre den Rest meines Lebens todunglücklich gewesen! Vielleicht hatte ich ja deshalb später (fast) nie wieder auf meinen Verstand gehört und immer nur getan, was meine Intuition „mein Bauchgefühl“ mir suggerierte? Natürlich hatte ich auf meinen Verstand gehört, wenn er mir sagte, dass es unvernünftig sei, bei Rot über eine Kreuzung zu laufen! Aber ansonsten hatte ich ihn immer lieber ignoriert! Nur ein einziges Mal hatte ich wirklich noch auf meinen Verstand gehört, als ich heiratete. Und wie sich nur wenig später herausstellte, war auch dies eine absolute Fehlentscheidung gewesen! Die Psychologin hatte mich immer gefragt, ob ich wüsste, was der Auslöser für diese kopflosen, spontanen oder „unvernünftigen“ Entscheidungen sei. (Dabei hatte sie mir allerdings nie geglaubt, dass eben diese „unvernünftigen“ Entscheidungen immer allesamt Kopfentscheidungen gewesen waren!) Doch zu „Lebzeiten“ war ich nie darauf gekommen ― erst jetzt, erst hier. Erst „hier oben“ hatte ich den Grund dafür erkannt, warum ich in meiner letzten Inkarnation meinen Verstand so oft ignoriert hatte!
Dann war meine Großmutter gestorben und hatte mir zu meiner Überraschung einen goldenen Siegelring vermacht. Den Ring hatte ich zuvor noch nie gesehen, aber als ich die Initialen sah, wusste ich sofort, wem er einst gehört hatte! Der Ring sah abgenutzt aus und auch die Initialen RR waren nicht mehr ganz deutlich zu erkennen gewesen. Ich ließ den Ring aufarbeiten und kleiner machen und die Initialen RR nachgravieren. Danach trug ich den Ring bis zu meinem Tod. Was wohl aus dem Ring geworden war?
Aber hätte ich „mein“ Buch über Afrika nicht auf dem Dachboden gefunden, hätte ich das Ruder nicht im letzten Moment herumgerissen. Stattdessen hätte ich auf meinen Verstand gehört und mich dadurch in mein eigenes Unglück gestürzt. Ich hätte einen komplett falschen Lebensweg eingeschlagen! Ich hätte etwas studiert, das mich nie befriedigt, geschweige denn glücklich gemacht hätte!
Damals hatte ich auch das Vertrauen in meinen Verstand verloren und deshalb war es mir danach auch immer so schwer gefallen „vernünftig“ zu handeln — zumindest in den Augen anderer!
War es Schicksal gewesen, dass ich das Bild und das Buch gefunden hatte? Hatte ich mir diese „Wegweiser“ selbst in die Wiege gelegt?
Ich spüre, dass mein Verstand erneut nickt. Dann sagt er: »Jede neue Inkarnation enthält in der Regel einen roten Faden und die dazugehörigen Wegweiser. Ob man den Faden allerdings aufnimmt und den Wegweisern folgt, steht auf einem anderen Blatt. Wozu gäbe es sonst einen freien Willen? Außerdem finde ich es schön, dass du anfängst, dich mit „uns“ auseinanderzusetzen.«
Darüber muss ich jetzt erst eine Weile nachdenken. Das war ein sehr langes Gespräch, das Längste, seit „unserer“ Ankunft hier.

Kapitel 8

Plötzlich verspüre ich eine unglaubliche Lust „mein Buch“ über Afrika zu lesen. Zum Zeitpunkt meines „irdischen Ablebens“ hatte sich die Ausgabe vom Dachboden meiner Großmutter immer noch in meinem Besitz befunden. —Ich frage mich nun wirklich, was aus meiner ganzen Habe geworden ist. Leider hatte das Buch einen ziemlichen Wasserschaden und war zudem in altdeutscher Schrift geschrieben. Trotzdem würde ich jetzt gerne versuchen, das Buch zu lesen!
Ich sehe im Strandhaus nach. Wie erwartet, liegt das Buch nun auf dem Nachttisch. Was ich jedoch nicht erwartet hätte, dass es sich dabei um eine digitale Ausgabe handelt. Auf meinem Nachttisch liegt doch tatsächlich ein E-Book Reader, auf dessen Bildschirm das Cover meines Afrika-Buches prangt! Noch bevor ich fragen kann, reagiert mein Verstand.
»Ein Bibliothekar hat es irgendwann digitalisiert und gleichzeitig von der altdeutschen Schriftart in die lateinische übergeschrieben. ―Allerdings hat er die Ausdrucksweise und Grammatik, die zur damaligen Zeit gebräuchlich war, beibehalten.«
Ich nehme den Reader zur Hand und sehe, dass das Batteriezeichen VOLL anzeigt. Jede Wette, dass der „hier oben“ immer VOLL anzeigt!
Irgendwie ist mir jetzt nach Abenddämmerung und Kaminfeuer. Kaminholz finde ich in einem Korb, ebenso wie Streichhölzer. Ob ich mir hier oben auch die Finger verbrennen kann? Ich zünde ein Feuer an und kuschle mich in den großen und bequemen Ohrensessel, der vor dem Kamin steht. Der kleine Gecko kommt aus einer Ecke hervor. Behände klettert er an einem der Nachttischbeine empor und rollt sich dann in seinem Bettchen, das einmal eine Bastverpackung für Cherry-Tomaten gewesen ist, zusammen. Dabei wickelt er seinen langen Schwanz einmal um seinen ganzen Körper und ich beginne mit dem Lesen.

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Als ich das Buch ausgelesen habe, brennt das Feuer im Kamin noch genauso wie am Anfang des Buches. Auch die Abenddämmerung ist noch nicht weiter fortgeschritten. Das Batteriezeichen des E-Book Readers zeigt, wie erwartet, immer noch VOLL an. Doch obwohl ich laut E-Book Reader 305 Seiten gelesen habe, zeigte die verbleibende Zeitanzeige, von Anfang bis Ende des Buches, immer gleichbleibend „0“ an.
Der Gecko schläft, seinen Schwanz um seinen Körper gewickelt. Das einzige Geräusch ist das Rauschen des Meeres. Obwohl ich das Buch an einem Stück gelesen habe, bin ich nicht müde — im Sinne von schläfrig. Wieder so ein Paradox, denke ich. Ich kann „hier oben“ zwar müde werden, aber ich kann nicht schlafen, obwohl ich träumen kann.
Ich sinniere eine Zeit lang über den Inhalt des Buches. Es war eine spannende Lektüre, selbst für „heutige“ Verhältnisse. Ich habe nun eine sehr plastische Vorstellung davon, wie es damals in Afrika zugegangen sein muss. Damals war das Buch bestimmt eine wertvolle Bereicherung für jeden Afrikaauswanderer und so etwas wie ein Handbuch. Die Menschen, die damals nach Afrika auswanderten, mussten entweder sehr naiv oder sehr verzweifelt gewesen sein. —Oder aber es waren Forscher, Entdecker und Abenteurer, alles in einem — was vielleicht die Verzweiflung ausschloss, nicht aber die Naivität!
Typisch, dass ich mich davon hatte anstecken lassen. Abenteuer, Abwechslung ― ja, auf den Zug war ich wohl immer schon gerne aufgesprungen. Zum Teufel mit den Bedenken und Vorbehalten! Das Leben war zu kurz, um viel darüber nachzudenken, was richtig und was falsch war. Und mit Konsequenzen konnte man sich auseinandersetzen, in dem Moment, wo sie da waren!
Nach diesem Motto hatte ich später auch in meiner letzten Inkarnation gelebt — nachdem ich angefangen hatte, meinen Verstand weitestgehend zu ignorieren. Nicht, dass dies wirklich immer das Beste für mich gewesen wäre — aber wenn ich jetzt so von „hier oben“ auf meine letzte Inkarnation blickte, dann gab es auch nichts, dass ich bereute! (Selbst meine Ehe und meinen Tod nicht.)
Natürlich war nicht alles leicht gewesen und natürlich hatte ich, basierend auf meiner Intuition, auch manchmal eine falsche Entscheidung getroffen. Aber alles in allem konnte ich schon sagen, dass ich mein Leben immer selbst bestimmt hatte. Und das war es, was für mich zählte!
»Ja«, sagt mein Verstand, und da ist er wieder, der sarkastische Unterton. »Du hast dein Leben selbst bestimmt und sogar deinen Tod!«
Ich stoße einen Seufzer aus und frage mich, ob ich ihn wirklich gehört habe oder ob ich es mir wieder nur eingebildet habe. Dann lasse ich es wieder hell werden und gleichzeitig lasse ich auch das Kaminfeuer ausgehen. Das Letzte was ich jetzt nämlich will, ist, mich mit meinem Tod auseinanderzusetzen! Ich will mich nicht rechtfertigen! Der Gecko wird wach, rollt seinen langen Schwanz aus — und bevor ich mich versehe, ist er auch schon wieder an einem Nachttischbein hinuntergekrabbelt und verschwindet irgendwo unter dem Bett.
Als ich auf die Terrasse komme, sehe ich unten an der Treppe das Huhn. Es pickt imaginäres Futter aus dem Sand. Ich setze mich auf die unterste Treppenstufe und betrachte meine Plattfüße im Sand.
»Ist es normal, dass wir uns rote Fäden oder Wegweiser in unsere nächste Inkarnation einbauen, die uns daran erinnern sollen, was wir uns vorgenommen haben?«, frage ich meinen Verstand. Dann warte ich auf eine Antwort. Warum überrascht es mich nicht, als diese ausbleibt? Ich stoße wieder einen Seufzer aus.
»Ich überlege noch.«
Zuerst glaube ich, mich verhört zu haben!
»Du überlegst? Du als allwissender Verstand überlegst? Heißt das, du denkst nach — DU denkst? Ich dachte immer, ich wäre die, die denkt und du der, der alles weiß?«
Jetzt bin ich wirklich überrascht! Ein Verstand der nachdenken muss — wenn das nicht paradox ist! Wahrscheinlich ist es die Krönung der Paradoxien!
»Ja, ich denke nach. Darüber, wie ich dir das alles erklären soll! Und ich verfüge im Übrigen auch nur über das Wissen, welches du dir irgendwann einmal angeeignet hast. —Jedenfalls wenn es um die Sorte Wissen geht, die man als Lebenserfahrung bezeichnen könnte.«
»Aha. Heißt das auch, dass ich wieder ein Mathegenie sein kann, wenn ich es will — so wie als persischer Architekt?«
Jetzt höre ich deutlich, dass mein Verstand wieder lacht.
»Nein. Eine besondere Mathematikbegabung ist, genau wie ein photographisches Gedächtnis, genetisch bedingt. Du kannst dir allerdings für bestimmte Inkarnationen einen Körper wählen, der über einen höheren IQ verfügt, sodass einige dieser Fähigkeiten vorhanden sind. Sie sind dann sozusagen angeboren und solange du in diesem Körper inkarniert bist, kannst du diese Fähigkeiten auch nutzen — so wie in deiner Inkarnation als persischer Architekt.«
»Das verstehe ich nicht. Jetzt habe ich zum Beispiel keinen Körper, außer man würde dieses Gebilde aus Zuckerwatte als solchen betrachten. —Aber deshalb bin ich ja nicht dumm und rechnen kann ich auch noch. Nur eben nicht mehr so schnell, oder so gut, wie als persischer Architekt.«

»—Weil diese außergewöhnliche, mathematische Begabung damals Teil des menschlichen Gehirns war. Ohne diese zusätzliche Fähigkeit hast du zwar immer noch gute mathematische Kenntnisse, weil du dieses Wissen auch in fast jeder deiner Inkarnationen, auf die ein oder andere Art, immer wieder erlernt und trainiert hast — aber der „Turboantrieb“, den dir der Körper des persischen Architekten, mit seiner genetischen Fähigkeit, zur Verfügung stellte, ist jetzt für dich nicht mehr erreichbar. Anders gesagt: Hier in den geistigen Welten kannst oder weist du alles, was du dir in deinen Inkarnationen irgendwann einmal selbst erarbeitet hast.«
Ich spüre, dass mein Verstand ausnahmsweise einmal sehr geduldig mit mir ist. Oder vielleicht liegt es auch bloß daran, dass ich ausnahmsweise einmal die richtigen Fragen stelle?
»Du kannst es ja mal ausprobieren«, sagt mein Verstand. »In deiner letzten Inkarnation warst du sicherlich kein „genetisches Genie“ und hast trotzdem vier Fremdsprachen erlernt. Prüfe mal, ob das Wissen darüber noch vorhanden ist.«
Ich denke kurz nach. »Ist es«, antworte ich dann.
»Das bedeutet, wenn du in einer deiner nächsten Inkarnationen noch einmal eine dieser Sprachen lernen willst, dann wird dir — und damit natürlich auch deinem Wirt — dies besonders leicht fallen! Viel leichter jedenfalls als anderen Menschen, deren Seele nicht schon über dieses Wissen verfügt. —Außer vielleicht, ihr Körper verfügt über eine besondere genetische Fähigkeit, wie zum Beispiel ein photographisches Gedächtnis.«
Mein Verstand macht eine kurze Pause, bevor er hinzufügt: »Das eine sind genetische Fähigkeiten, deren du dich, während deiner Inkarnationen in einem „physischen“ Wirt, bedienen kannst und das andere sind „psychische“ Eigenschaften, die du dir als Seele selbst, während deinen Inkarnationen, erarbeitet hast und die auch nicht verloren gehen.«
Mein Verstand macht wieder eine kurze Pause und mich beschleicht das Gefühl, als ob er mich anblicken würde. So wie ein Lehrer seinen Schüler anblickt, wenn er herausfinden will, ob der Schüler auch zuhört und alles verstanden hat. Das ist nicht nur paradox, das ist paranoid, denke ich, während ich gleichzeitig aber nicke und mein Verstand erneut anfängt zu sprechen.
»Wenn ein Mensch beispielsweise etwas von Anfang an sehr gut kann, dann nennt man dies Talent. —Dabei ist es aber oftmals nur etwas, dass seine Seele schon konnte, weil sie es in einer früheren Inkarnation bereits erlernte oder tat.«
Mein Verstand räuspert sich und sagt: »Natürlich braucht es dann auch immer noch einen kreativen Geist…, aber ich denke, du hast verstanden, was ich dir zu sagen versuche.«
Ich nicke erneut und gleichzeitig frage ich: »Heißt das, ich könnte auch wieder malen, wenn ich das Malen in einer früheren Inkarnation einmal, so richtig von der Pike auf, gelernt habe?«
Statt einer Antwort, tauchen jetzt rechts hinter dem Huhn, eine Staffelei und ein Tischchen mit einer Palette Ölfarben und Pinseln auf. Es ist jedoch nicht nötig, dass ich jetzt gleich anfange zu malen. Ich weiß plötzlich, dass ich es kann. Ich weiß genau, welche Farben ich mischen muss, um das besondere Blau des Wassers einzufangen und ich weiß genau, wie ich den Pinsel führen muss, um dem Blau dann die sanfte Bewegung der Wellen zu geben.
Nur weiß ich nicht, was das für ein Leben war und was für eine Person ich damals, als Maler oder Malerin, war. Die Erinnerung daran ist weg. Ich nehme mir aber vor, später zu malen.

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»War ich auch mal Sängerin?«, frage ich. Mein Verstand zögert.
»Ja, in der Tat — allerdings ist eine wirklich gute Stimme wieder genetisch bedingt«, antwortet er dann, ein wenig brüskiert und irgendwie beschleicht mich gerade das Gefühl, als ob ich bei meinem Verstand, mit dieser Frage, einen wunden Punkt getroffen hätte.
»Natürlich kann man das Singen auch erlernen und du weißt deshalb auch immer noch, wie du dabei richtig atmen musst. Aber ohne einen Körper, mit den adäquaten Stimmbändern zum Singen, wirst du immer nur mittelmäßig sein!«
Mein Verstand hat weitergesprochen, während ich noch meinen eigenen Gedanken nachhing. Bilde ich es mir nur ein, oder ist mein Verstand plötzlich nervös? Natürlich weiß ich, dass er auch diesen Gedanken mitbekommt und weil ich ihn nicht noch mehr in Verlegenheit bringen möchte, greife ich etwas anderes auf und lache.
»Atmen! Das mit dem Atmen ist hier auch so eine paradoxe Angelegenheit! Manchmal tue ich es, obwohl ich es nicht muss«, rufe ich.
Mein Verstand nickt und dann nicke ich ebenfalls.
»OK, jetzt verstehe ich«, sage ich dann. »Wenn ich in einer früheren Inkarnation einmal, sagen wir, ein Weltklasse-Schwimmer war, dann verfüge ich zwar jetzt noch über das technische Wissen, wie man sich als Schwimmer ideal bewegt, aber ohne den entsprechenden athletischen Körper, in meiner nächsten Inkarnation, könnte ich zwar bis zum Umfallen trainieren, wäre aber trotzdem immer noch zu langsam, um zur Weltspitze zu gehören.«
»So ungefähr«, antwortet mein Verstand. »Wie gesagt, es gibt „Fähigkeiten“, für die brauchst du eine genetische Unterstützung und es gibt „Eigenschaften“, die du dir im Laufe deiner Inkarnationen selbst angeeignet hast und die du in späteren Inkarnationen dann durchaus wieder abrufen kannst. —Wenn auch eher unbewusst und natürlich auch nicht immer ohne Einschränkungen, wie beispielsweise beim Erlernen von Fremdsprachen. Es ist zwar durchaus leichter, die Sprache noch einmal zu lernen, wenn du sie schon mal erlernt hast — aber lernen muss du sie trotzdem wieder.«
Ich nicke. Ob mein Verstand das auch mitbekommt? So wie ich es mitbekomme, wenn er nickt?
»Jetzt weiß ich auch, warum ich in meiner letzten Inkarnation eine so gute Schwimmerin war, obwohl ich nie Schwimmunterricht hatte — außer dem Standardunterricht in der Grundschule natürlich. Heißt das, ich war in einer früheren Inkarnation mal eine — was, eine Leistungsschwimmerin?«
Mein Verstand zögert wieder einen Augenblick, bevor er antwortet.
»Keine Leistungsschwimmerin«, sagt er dann, »aber es gibt in der Tat eine Inkarnation, wo das Wasser, oder besser gesagt, das Meer, eine wichtige Rolle für dich spielte und wo du auch sehr viel Zeit im Meer verbracht hast.«
Wieder habe ich das Gefühl, mit meiner Frage einen wunden Punkt getroffen zu haben! Ich denke kurz an das Surfbrett, dass jetzt bei der Hängematte im Sand steckt. Es ist riesig und in hellblauer Schreibschrift steht darauf der Begriff „he’e nalu“. Ich weiß zwar nicht was „he’e nalu“ bedeutet, aber ich habe so eine Ahnung, die erklärt, warum ich auch in meiner letzten Inkarnation das Meer so sehr geliebt habe. Aber diese Ahnung würde auch erklären, warum ich in meiner letzten Inkarnation — trotz ausgezeichneter „seelischer“ Schwimmeigenschaften — eher der wasserscheue Typ war!
»Kann es auch sein, dass wenn ich in einer früheren Inkarnation eine unangenehme Erfahrung mit etwas machte, die so gravierend war, dass sie ein Trauma auslöste, ich in meiner nächsten Inkarnation intuitiv ein Vermeidungsverhalten dagegen aufbaue, damit mir das Gleiche nicht nochmal geschieht?«, frage ich vorsichtig. Plötzlich bin ich mir nämlich ganz sicher, in einer früheren Inkarnation ertrunken zu sein! —Das würde zumindest erklären, warum ich in meiner letzten Inkarnation wasserscheu war.
Mein Verstand nickt und ich habe auch wieder das Gefühl, als wenn ich seinen Blick auf mir spüren könnte. Das ist paranoid, denke ich wieder. Aber ist es nicht auch paranoid, wenn ich spüre, dass er nickt?

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Einen Moment lang herrscht Stille und ich spüre auch, dass ich genaugenommen noch nicht so weit bin, um mich mit dem „wofür das Surfbrett steht“ auseinanderzusetzen! Deshalb lenke ich vom Thema ab und frage: »Dann gilt das mit den seelischen Eigenschaften auch für — hm — Klavierspielen? Wenn ich es also in einer früheren Inkarnation schon mal gelernt habe, wird es mir in einer späteren Inkarnation viel leichter fallen, es erneut zu lernen und man würde sagen, ich hätte eine natürliche Begabung dafür oder ich sei sehr talentiert? —Vorausgesetzt natürlich, ich stecke nicht ausgerechnet in einem Körper, der total unmusikalisch ist oder steife Finger hat!«
Ich höre, wie mein Verstand wieder lacht. Diesmal klingt sein Lachen jedoch vor allen Dingen erleichtert.
»So ist es. Irgendwie soll es den Seelen ja auch möglich sein, von dem bereits Gelernten, und ihren bereits gemachten Erfahrungen, zu profitieren. Aber wie gesagt, es kommt auch immer auf den Körper an. Selbst wenn du in einer anderen Inkarnation mal ein ausgesprochener Klaviervirtuose gewesen wärst, wenn du danach in einem Körper inkarnierst, dem genetisch bedingt, jegliches Gespür für Musik fehlt, würdest du trotzdem immer nur ein schlechter Klavierspieler bleiben.«
»Wie ist es mit der Schriftstellerei?« Plötzlich bin ich wieder ganz ernst.
»Lyrik ist definitiv eine Eigenschaft der Seele, für die du keine besondere genetische Fähigkeit benötigst — höchstens einen kreativen Geist, mit viel Phantasie. Alles was mit Schriftstellerei, inklusive dem Komponieren von Musik, oder bildender Kunst zu tun hat, ist eine Eigenschaft der Seele. Jede Seele kann während ihren Inkarnationen in einem Menschen beispielsweise das Lesen und Schreiben lernen. Jedenfalls wenn dieser Mensch in seinem Leben auch die Möglichkeit dazu erhält. Aber nicht jede Seele entwickelt daraus auch eine Begabung zur Schriftstellerei. Du jedoch bist eine Seele der Künste — eine Künstlerseele — und deshalb hast du auch eine natürliche Begabung für alles, was mit Kunst zu tun hat! —Und ja, jetzt stellst du auch endlich die richtigen Fragen! —Und ja, wenn du nickst, spüre ich dies genauso, wie du mein Nicken spürst. Und ob du nun laut denkst oder leise, macht für mich auch keinen Unterschied.«
»Wie ist es, wenn ich lache oder seufze — macht das für dich einen Unterschied in der Wahrnehmung? Ich meine, hörst du es nur so, wie du meine Gedanken hörst oder hörst du es wirklich?«
»Ich kann es wirklich hören, aber es klingt sehr verzerrt. Es ist eben enorm schwierig, aus einem Körper, der nur aus Molekülen besteht, ein Geräusch hervorzupressen. Selbst wenn dieser Körper über so etwas wie Stimmbänder verfügt. Du hast dir mit deinem Erscheinungsbild hier wirklich sehr viel Mühe gegeben, denn du siehst nicht nur äußerlich so aus, wie in deiner letzten Inkarnation, du hast deiner Erscheinung hier auch innerlich alle Organe eines Menschen gegeben. —Nicht wirklich notwendig, aber du warst schon immer sehr präzise oder detailgetreu und außerdem hätte ich von einer Künstlerseele auch nichts anderes erwartet.«
»Danke.«
»Wofür?«
»Dafür, dass du ehrlich bist — und dafür, dass du so viel Geduld hast. Ist das nach jeder Inkarnation so? Komme ich nach jeder Inkarnation hierher und lasse mir von dir erneut die Welt erklären?«
Diesmal muss ich wieder auf eine Antwort warten. Aber ich weiß jetzt, dass ich warte, weil mein Verstand überlegt, was er mir antworten soll. Scheiße — wie paradox klingt das denn oder ist es einfach bloß Irrsinn?
»Nein, es ist erst das zweite Mal, dass du hierherkommst«, antwortet mein Verstand schließlich. »Aber das sind jetzt nicht mehr die richtigen Fragen. Jetzt nicht, jedenfalls noch nicht.«

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Ich weiß, dass mein Verstand nun wieder weg ist. Natürlich ist auch das wieder paradox. Hier wimmelt es nur so von Paradoxien! Mein Verstand kann nicht plötzlich weg sein! Trotzdem ist es die Beschreibung, die es am ehesten trifft. Ich arme Seele bin, im wahrsten Sinne des Wortes, wieder alleine mit mir selbst.
Mein Blick fällt auf die Staffelei. Ich weiß, was ich als nächstes machen werde.

Kapitel 9

Ich habe wieder keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen ist. Wahrscheinlich gar keine. —Trotzdem habe ich ein Bild gemalt. Auch das ist wieder paradox.
»Wenn ich für jedes Paradox hier oben, später unten auf der Erde 1.000 qm Grund bekomme, gehört mir bald der ganze Planet!«
Ich schreie die Worte förmlich in Gedanken, aber ich höre nichts. Kein Echo und — was noch schlimmer ist — auch keine Antwort. Mein Verstand bleibt stumm.
»Was sind die richtigen Fragen?«
Keine Antwort.
Ich sehe meine Staffelei und dahinter das Meer, das irgendwo in der Ferne in einem milchigen Grau verschwindet. Was da wohl sein mag, am Ende dieses imaginären Horizontes?
Ich beginne, mich einmal um die eigene Achse zu drehen, mache zuerst exakt eine viertel Drehung nach rechts: Ich sehe den Strand, der ebenfalls irgendwo in der Ferne, in einem milchigen Grau verschwindet. Ich drehe mich weiter, wieder exakt eine viertel Drehung nach rechts: Ich sehe das Strandhaus, mit dem Huhn davor und den Regenwald dahinter, und ich sehe auch die Hängematte zwischen zwei Palmen und das Surfbrett. Ich drehe mich weiter, wieder exakt eine viertel Drehung nach rechts: Ich sehe erneut Strand, der in der Ferne in milchigem Grau verschwindet. Ich drehe mich noch weiter und sehe wieder das Meer und meine Staffelei. Nur meinen Verstand, den sehe ich nicht, und ich spüre ihn auch nicht. Sei‘s drum, denke ich.

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Ich lese noch ein Buch und male noch ein Bild, aber die Fragen, in meinem Kopf aus Zuckerwatte, geben keine Ruhe mehr: Ich bin ich und mein Verstand ist was? Ist er ein Teil von mir oder ist er doch ein Individuum, so wie ich eins bin? Wenn er ein Individuum ist, warum kann ich ihn dann nicht sehen? Heißt das, er ist doch kein Individuum? Und was meint mein Verstand damit, wenn er von einem „kreativen Geist“ redet?
Ich wünsche, ich bekäme Antworten auf meine Fragen! Wahrscheinlich stelle ich einfach wieder die falschen Fragen!
Ich beschließe, einen Spaziergang zu machen ― und zwar alleine. Ich gehe in die Richtung, die mich am Surfbrett vorbeiführt. Ich wandere den Strand entlang. Ich gehe und gehe. Die Landschaft verändert sich und bleibt doch immer gleich: Links der Regenwald und die Palmen, rechts das Meer, dazwischen der Strand und ich. Ich frage mich, ob dies eine Insel ist und ob ich irgendwann wieder am Strandhaus ankomme, wenn ich nur immer weiter gehe.
Wenn ich möchte, dass dies eine Insel ist, dann ist es eine und dann komme ich irgendwann auch wieder am Strandhaus an.
Ich möchte aber nicht, dass dies eine Insel ist oder doch? Doch — ich möchte, dass dies eine Insel ist. Meine Insel. Aber ich will nicht gleich die ganze Insel kennenlernen. Ich spüre, dass ich möchte, dass es noch mehr zu entdecken gibt und deshalb drehe ich um und gehe den Weg zurück, den ich gekommen bin.
Morgen nehme ich den anderen Weg, auch wenn es „hier oben“ kein morgen gibt.
Auf dem Weg zurück denke ich über meinen Verstand nach: Wenn ich hier oben selbst bestimmen kann, wie es hier aussieht, ob es Tag oder Nacht, hell oder dunkel ist. ―Ja, wenn ich hier oben selbst mein eigenes Aussehen bestimmen kann, und ob meine Erscheinung Stimmbänder oder menschliche Organe hat, die ich genaugenommen gar nicht brauche — dann werde ich auch bestimmen können, ob mein Verstand sich „materialisieren“ kann.
Wieder so ein Paradox. Wie kann etwas „geistliches“ Materie entwickeln ― noch dazu in einer nicht-materiellen Welt?
Es kann, weil ich es will.
Und noch etwas dämmert mir: Wenn mein Verstand von einem „kreativen Geist“ redet, dann redet er von sich selbst — jede Wette!

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Es wundert mich nicht, als ich zum Strandhaus zurückkehre und jemand auf dem Rand meiner Sonnenliege sitzt. Trotzdem spüre ich ein wenig Unbehagen. Dieser Jemand kommt mir so vertraut vor, trotzdem bin ich mir auch so sicher, ihn noch nie zuvor gesehen zu haben. Er ist deutlich männlich, denn er ist nackt.
Ist er nackt, weil ich vergessen habe, ihn anzuziehen? Sieht er so aus wie er aussieht, weil ich ihn mir so vorgestellt habe? Wenn ja, habe ich daran keine Erinnerung mehr! Und warum sehen seine Füße so normal aus?
Ich weiß, wer er ist. Ich kenne ihn schon mein ganzes Leben lang. Oder sollte ich besser sagen, schon meine ganze „Existenz“ lang? Trotzdem bin ich mir fast sicher, ihn noch nie zuvor gesehen zu haben. Das wäre natürlich wieder paradox ― oder vielleicht auch nicht. Dass man die Stimme von jemandem kennt, muss nicht zwingend bedeuten, dass man auch die dazugehörige Person, oder wie in diesem Fall, das dazugehörige Wesen kennt! Als Beispiel fällt mir dazu, auf Anhieb, der deutsche Synchronsprecher von Keanu Reeves ein. Ob der Synchronsprecher von Keanu Reeves genauso cool aussah wie seine Stimme klang?
Laut denke ich: »Du bist also doch ein Individuum?«
Es ist mehr eine Frage als eine Feststellung. Mein Verstand nickt. Trotzdem frage ich: »Bist du der für den ich dich halte ― mein Verstand?«
Wieder nur ein Nicken, wenn auch zögerlich, verhalten.
»Warum bist du nackt? Und warum siehst du so ― so…« Mir fallen die passenden Worte nicht ein und fast hätte ich „so lächerlich“ gesagt. Mein Verstand beantwortet die Frage jedoch, bevor ich sie ganz formulieren kann ― zum Glück.
»Ich sehe so aus, weil du mich irgendwann einmal so erschaffen hast.«
Fast muss ich lachen.
»Du meinst, ich habe dir das Aussehen einer griechischen Statue gegeben?«
»Genaugenommen das einer römischen, das von Heracles Farnese. Obgleich Heracles selbst Grieche war.«
»Aha.«

Irgendwie weiß ich nicht, was ich darauf erwidern soll. Wenn mein Verstand jetzt spricht, bewegt er dabei jedenfalls seine Lippen, genauso wie ich es tue, wenn ich laut denke. Allerdings habe ich überhaupt keine Erinnerung mehr daran, wann oder warum ich ihm ausgerecht ein solches Aussehen gab! Irgendwie ist das Ganze auch peinlich. Nicht nur, dass mein Verstand nackt ist ― er sieht auch noch aus, wie ein aus Marmor gemeißelter Bodybuilder, mit schulterlangem, lockigem Haar und üppigem Vollbart.
Naja, denke ich besonders leise, andererseits hätte er ja auch aussehen können wie der Gollum, aus Der Herr der Ringe!
»Danke«, antwortet mein Verstand, mit einem leichten Unterton von Sarkasmus in der Stimme. »Und egal, wie leise du auch denkst — ich kann dich trotzdem hören!«
»Könntest du dein Aussehen auch ändern?«
»Nein, nur du könntest das. Genauso, wie nur du in der Lage bist, meine Energie sichtbar zu machen.«
»Deine Energie? Also bist du doch kein Individuum?«
»Doch, aber im Gegensatz zu dir, bin ich durch dich entstanden und im Gegensatz zu dir, könnte ich ohne dich auch nicht existieren.«
»Das musst du mir genauer erklären.«
»Ganz einfach. Du warst vor mir da. Deine Energie wurde zuerst kreiert oder erschaffen und du erschufst mich. Du nährst mich, durch jede deiner Inkarnationen.«
»Und ohne mich könntest du nicht existieren? —Wie ist das gemeint?«
Ich spüre deutlich, dass mein Verstand nun zögert. Oder ist es Angst, die ich da spüre?
Ich sehe, wie Heracles Farnese seinen Kopf schüttelt.
»Weißt du, was wirklich paradox ist?«
»Sag‘ es mir.«
»Dass du mich hier im Jenseits, in diesen geistigen Welten, sofort und ohne Zögern, als deinen Verstand anerkennst!«
»Aber das bist du doch! Du bist die Stimme der Opposition in meinem Kopf. Die Stimme mit der ich diskutiere, ob wir nach rechts gehen oder nach links. Ob etwas schwarz ist oder noch grau. Du bist der, der alles besser weiß!«
Während ich rede, schüttelt mein Verstand unentwegt sein römisch/griechisches Haupt. —Noch etwas schießt mit durch den Kopf und ich ärgere mich, weil ich nicht in der Lage bin, meine Gedanken vor meinem Verstand zu verbergen: Einer der Gründe, warum ich — zumindest in meiner letzten Inkarnation — meinen Verstand immer so sehr schätzte, auch wenn ich seine Ratschläge nur selten befolgte und obwohl er mich sehr oft mit seiner gnadenlosen Ehrlichkeit zur Weißglut brachte, war/ist eben diese Ehrlichkeit! Wenn er aber nicht mein Verstand wäre, dann hätte er mich eben belogen!
Mein Gegenüber schüttelt noch immer seinen Kopf.
»Du hast mich eben gefragt, ob ich der bin, für den du mich hältst ― und du hältst mich für deinen Verstand. Also habe ich nicht gelogen. Ich bin so etwas wie deine Festplatte, die alle Erinnerungen abspeichert, auch wenn du dich nicht mehr an alles erinnerst. Ich bin immer für dich da. Ich bin dein Geist. —Aber wenn du so willst, bin ich auch sicherlich dein Verstand, dein Aufpasser, deine Nanny. Einige Menschen bezeichnen mich deshalb sogar als Schutzengel! Ich helfe dir beim Analysieren und wenn du mich lässt, helfe ich dir auch gerne dabei, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Aber nur hier, hier im Jenseits, erkennst du mich tragischer Weise, und zweifelsohne, sofort als deinen Verstand an. ―Auf der Erde nennst du mich dein Bauchgefühl oder degradierst mich dazu, deine Intuition zu sein!«

Mein Verstand hat sich regelrecht in Rage geredet. Ich konnte auch seine Verzweiflung spüren. Ich glaube, mit mir hat er es wirklich nicht leicht!
Eine Weile weiß ich nichts zu erwidern und starre auf das Meer. Weil ich immer noch stehe, während mein Verstand auf dem Rand der Liege sitzt, überlege ich, mehr oder weniger unbewusst, ob ich mich neben ihn setzen soll. Wie immer, kann ich meine Gedanken nicht vor ihm verbergen und er nimmt mir die Entscheidung ab, indem er ein Stück zur Seite rutscht. Eine versöhnliche Geste, wie ich finde. Ich setze mich neben ihn und gleichzeitig schießt mir wieder ein Gedanke durch meinen Kopf: Aber wenn du während meinen Inkarnationen als meine Intuition fungierst, wer zum Teufel fungiert denn dann als mein Verstand?!
Mein Gegenüber lacht, ein wenig kläglich, wie ich finde. Ich höre sein Lachen ganz deutlich, in meinem Schädel aus Zuckerwatte, und ich sehe auch, wie sich sein Mund, unter dem dichten Vollbart aus Zuckerwatte, zu einem Lachen bewegt.
Irgendwie habe ich aber gleichzeitig auch wieder das Gefühl, irre zu werden. So als ob meine imaginären, kleinen, grauen Zellen gleich einfach PENG machen würden. Aber wie kann das sein? Wenn er doch mein Verstand ist, wie kann ich dann verrückt werden? Wieder ein Paradox!
»Auch ein Lebewesen, wie zum Beispiel ein Mensch, besitzt einen Intellekt, der sich im Laufe des Lebens weiterentwickelt und sich beispielsweise daran orientiert, wo dieser Mensch aufwächst. In welcher Kultur ist dieser Mensch zu Hause, welche Bildung erfährt er und welche Lebenserfahrungen macht er. Alles Dinge, die seinen Intellekt mit der Zeit prägen. Man könnte auch sagen, ein intelligentes, „materielles“ Lebewesen entwickelt mit der Zeit seinen eigenen Verstand, so wie du mich entwickelt hast«, sagt Heracles Farnese. Dann höre ich einen Seufzer und sehe, wie Heracles Farnese einmal seine mächtigen Schultern hebt und senkt.
»Doch leider ist dies ein ständiger Kampf, zwischen dem Intellekt des Lebewesens, in welches du als Seele inkarnierst, und mir! Beide versuchen wir nämlich, dich auf einen bestimmten Weg zu führen. Nur dass die Richtung meist nicht übereinstimmt. Besonders wenn du in einem Menschen inkarniert bist, der in der westlichen Hemisphäre aufwächst und lebt, neigst du sehr stark dazu, mehr auf deinen menschlichen Intellekt zu hören als auf mich — deine Intuition! Und dann ist es möglich, dass du das, was du dir für diese Inkarnation vorgenommen hast, auch nicht erreichst oder erfährst, weil du dich, genau wie dein menschlicher Wirt, zu sehr von materiellen Dingen leiten lässt. Oder was noch schlimmer ist, du bleibst in einem Zustand von Trance.«
»Deshalb die Wegweiser, so wie in der letzten Inkarnation das Buch von RR und sein Foto!«
Mein Gegenüber nickt.
»Im inkarnierten Zustand reduzierst du mich leider auf deine Intuition. Und deshalb ist es für mich dann auch oftmals ganz schön schwierig, mir Gehör zu verschaffen und dafür zu sorgen, dass du auf dem richtigen Weg bleibst. Denn auch der Intellekt eines Menschen entwickelt Ziele und Pläne — und diese müssen nun mal nicht immer unbedingt mit den Zielen und Plänen übereinstimmen, die du dir als Seele so vorgenommen hast. Egal, wie sorgfältig du dir diesen „Wirt“ vorher auch ausgesucht hast!«
Irgendwie verstehe ich jetzt gerade seine Aufregung nicht. Immerhin war ich ja in meiner letzten Inkarnation ein ausgesprochener Bauchmensch gewesen! Nachdem ich damals fast auf meinen „menschlichen Verstand“ gehört und BWL studiert hätte — wären nicht das Foto und das Buch von RR aufgetaucht! Danach hatte ich eigentlich nur noch auf meine Intuition gehört — und die war, wie sich ja jetzt herausgestellt hatte, mein eigentlicher Verstand gewesen!
Ich setze gerade an, um mich zu rechtfertigen und auch, um meinen Verstand zu fragen, wo er denn war, als ich diese Vernunftehe mit Jean einging, als Heracles Farnese beschwichtigend eine Hand hebt. Natürlich hat er schon meine Gedanken gelesen.
»Ja, in deiner letzten Inkarnation warst du, zum Glück, ein ausgesprochener Bauchmensch — sonst säßen wir beide jetzt wahrscheinlich auch nicht hier! Und deine Ehe mit Jean hat dir nicht wirklich geschadet«, antwortet er dann, ein wenig pikiert.

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Die Eröffnung, dass ausgerechnet mein Verstand, während meinen Inkarnationen als meine Intuition fungiert, ist wahrlich eine Überraschung. Aber ich werde den Verdacht nicht los, dass da noch mehr ist!
»Kann es sein, dass du auch so etwas wie ein Eigenleben hast?«, frage ich.
Zuerst höre ich wieder ein Seufzen, doch dann nickt mein Verstand.
»Das heißt, du bist auch nicht verpflichtet, mir über alles was du weißt — und das ich vergessen habe — Auskunft zu geben?«
»Ich bin kein willenloses oder gefühlloses Wesen, wenn du das meinst.«
»Demnach hast du auch eigene Bedürfnisse?«
Wieder nur Nicken.

»Könnte ich deine Gedanken auch hören, wenn du sie leise denkst — so wie auch du alle meine Gedanken hörst, egal ob ich nun leise oder laut denke?«
Heracles Farnese wendet seinen Blick von mir ab und ich spüre sein zögern.
»…ich muss die richtigen Fragen stellen.«
»Auch, aber vor allen Dingen dürfen dir meine Antworten, oder mein Wissen, nicht schaden. Deshalb bin ich auch in der Lage, meine Gedanken vor dir zu verbergen. Meine oberste Priorität ist es nämlich, darauf zu achten, dass es dir gut geht und du gesund bleibst! —Nicht umsonst nennen die Menschen uns auch gerne ihre Schutzengel.«
Jetzt bin ich diejenige, die nickt und gleichzeitig denke ich: So viel dazu, dass Schutzengel prinzipiell Flügel haben!
Und laut denke ich: »Ja natürlich ist dir sehr daran gelegen, dass es mir gut geht und ich gesund bin, weil du ohne mich nicht existieren kannst!«
»So ist das nicht. Aber du hättest durchaus recht, wenn du sagen würdest, dass wir einander brauchen.«
»Allerdings könnte ich durchaus auch ohne dich existieren?«
»Nur für eine gewisse Periode oder auf bestimmten Ebenen. ―Aber das sind nicht die richtigen Fragen, jedenfalls noch nicht. Ich möchte nämlich nicht, dass du wieder das Gefühl bekommst, als würde gleich dein Schädel platzen.«
Touché!

Einen Moment lang herrscht Schweigen, während mein Verstand mich aufmerksam ansieht — und ich ihn.
»Woraus besteht deine Energie? Neutrinos, wie bei mir?«, frage ich schließlich.
»Nein, meine Energie ist rein feinstofflich — aber du als Künstlerseele kannst sie natürlich sichtbar machen. Allerdings besteht meine Erscheinung aus den gleichen Molekülen wie deine Erscheinung und wie alles andere hier.«
Ich nicke.
»Und weil deine Energie nicht aus Neutrinos besteht, hast du auch normale Füße, im Gegensatz zu mir.«
»Ja«, sagt mein Verstand und nickt ebenfalls. Ich spüre, dass sich die Situation wieder entspannt.

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»Es tut mir leid, dass ich sauer auf dich war, weil ich dich irrtümlich in Verdacht hatte, dass du in meiner letzten Inkarnation derjenige warst, der mir ― außer meiner Mutter ― immer versucht hatte einzureden, ich solle BWL studieren! Dabei warst du derjenige, der immer dagegen sprach… .«
»Schwer zu verstehen, ich weiß. Aber es ist für mich auch nicht immer einfach, mit dir Kontakt aufzunehmen, wenn du inkarniert bist. Besonders dann nicht, wenn dein Wirt auch noch ein besonders starkes Ego entwickelt. Das kann ganz schön frustrierend sein! Aber genaugenommen bin ich weder deine Intuition, auch wenn du mich während einer Inkarnation als solche wahrnimmst — und ich bin auch nicht dein Verstand, auch wenn ich oft als solcher fungiere. Verstand ist eher das, was ein intelligentes, materielles Lebewesen entwickelt. Du hingegen bist ein intelligentes, feinstoffliches Lebewesen, auch wenn deine Energie aus Neutrinos besteht, die genaugenommen ebenfalls feste Materie enthalten…«
Mein Verstand macht eine Pause und ich bin mir nicht sicher, ob er den Faden verloren hat. Dann jedoch sieht mich eindringlich an und fügt hinzu: »Ich habe es vorhin schon einmal gesagt, aber ich glaube, du hast es überhört: Das was eine Seele im Laufe ihrer Existenz entwickelt, ist ein Geist — und ich bin dein Geist!«

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Ich erinnere mich an die Rückführung, in eine meiner früheren Inkarnationen. Es ist die Erinnerung an ein Ereignis aus meiner letzten Inkarnation! Und das ist nun kein paradox, auch wenn es durchaus so klingen mag!
Bei dieser Rückführung hatte ich damals auch Kontakt aufgenommen zu etwas, dass der Reinkarnationstherapeut als meinen spirituellen Führer oder mein höheres Selbst bezeichnet hatte.
»Das bist du gewesen«, rufe ich erstaunt. Ich rufe zwar nur in Gedanken, auch wenn ich dabei meine Lippen bewege, trotzdem sehe ich, wie mein Verstand — mein Geist — leicht zusammenzuckt.
»Ja, das war ich.«
»Aber warum sahst du damals aus wie Professor Dumbledore, aus den Harry Potter Filmen?«
Mein Verstand lacht. Ja er bricht sogar in schallendes Gelächter aus und ich sehe, wie seine dicken Bauchmuskeln beben. Schließlich antwortet er: »Weil der menschliche Verstand deines Wirtskörpers sich vorgestellt hat, dass ich so aussehen müsste!«
Ich nicke versonnen.
»—Und es erklärt auch, warum ich damals auf all meine Fragen Antworten erhielt, die ich irgendwie erwartet hatte. Trotzdem war das damals auch ein sehr spirituelles Erlebnis, obwohl ich damals genaugenommen mit Spiritualität noch wenig am Hut hatte!«
»Es war auf jeden Fall ein spirituelles Erlebnis«, pflichtet mein Verstand mir bei. »Und ich hatte endlich einmal die Gelegenheit, mir deutliches Gehör zu verschaffen! —Außerdem warst du endlich wieder wach.«
»Was meinst du damit: Ich war endlich wieder wach?«
Mein Verstand schüttelt seinen Kopf und ich ahne es. Bestimmt ist es wieder nicht die richtige Frage! Doch dann fällt mir noch etwas ein. Etwas aus der Rückführung.
»Warum sind wir hier alleine? Ich meine, abgesehen von dem Gecko und dem Huhn? Was ist mit der sogenannten Seelenfamilie, die ich damals bei der Rückführung gesehen habe?«
»Erinnerst du dich noch daran, wen du gesehen hast?«
»Natürlich und das weißt du!«
Mein „Verstand“ nickt wieder. Irgendwie sehe ich ihn immer noch als meinen Verstand an. Die Bezeichnung „Geist“ hat irgendwie etwas, etwas — mir fällt das passende Wort nicht ein.
»Ja, aber ich will nicht, dass dich die Erinnerung an deine Seelenfamilie jetzt überfordert«, sagt mein Verstand gerade. Ich bin mir sicher, dass ihm nichts entgeht und er genau gemerkt hat, dass ich gerade abgelenkt war.
»Vielleicht ist das etwas, womit wir noch warten sollten«, sagt er. »Nichts geschieht ohne Grund und so gibt es auch einen Grund dafür, dass du bei deiner Ankunft hier alleine warst ― abgesehen von mir.«
»Und was ist mit dem Huhn und dem Gecko? Sind sie etwa nicht real?«
»Sie sind so real wie alles andere hier, aber sie sind keine Individuen — so wie du oder ich. Sie bestehen nur aus Molekülen, so wie der Strand oder das Meer. Und sie sind hier, weil du diese Umgebung größtenteils nach einer alten Erinnerung geformt hast, in die sich ein paar — nennen wir es „nicht detailgetreue Dinge“ — eingeschlichen haben.«
Plötzlich weiß ich, woher ich das Huhn und den Gecko kenne!
Mein Verstand nickt dazu. »Ja, auch wenn der Original-Gecko nie in einer Verpackung für Cherry-Tomaten schlief.«
Beim letzten Wort berührt mich mein Verstand sanft mit seinem Daumen an meiner Stirn. Ich könnte schwören, dass ich seine Berührung nicht bloß gespürt, sondern auch gefühlt habe. Warum bin ich hier? Warum „bin“ ich überhaupt? Wie bin ich entstanden? ―Doch dann träume ich wieder weg.

Nachwort

Bei den dicken Bestsellern, der berühmten Autoren, stehen hier normalerweise immer die Danksagungen — für die freundliche Unterstützung bei der Recherche. Bei diesem Buch gebührt diese Ehre jedoch mir ganz allein — und dem Internet. Als kleine, freie Autorin habe ich nicht die Möglichkeit, Wissenschaftler oder Forscher um Mithilfe zu bitten. Aber das ist wohl auch gut so, denn würden diese jedem Autor helfen, kämen sie wahrscheinlich gar nicht mehr dazu, ihren eigentlichen Job zu erledigen. (Obwohl ich mich schon mal gerne mit einem Quantenphysiker über das „spezifische“ Gewicht von Gedanken unterhalten hätte.)
Nichtsdestotrotz habe ich meine Recherche sehr gründlich betrieben und sie hat genauso viel Zeit in Anspruch genommen, wie das Schreiben selbst. —Noch vor 20 Jahren hätte ich dafür wahrscheinlich Monate in einer Bibliothek verbringen müssen! Dank des Internets geht heutzutage jedoch alles wesentlich schneller und vor allen Dingen von Zuhause aus.
Ein paar meiner Ideen aus dem Buch sind allerdings heute schon (fast) Realität, wie zum Beispiel die „tanzenden Strommäste“. Einer dieser Strommäste steht in Doetinchem/Niederlande. Allerdings ist er nicht an das Stromnetz angeschlossen, ebenso wenig wie der sogenannte „Zauberlehrling-Strommast“, der Teil der Emscherkunst war. Eine russische Designfirma hingegen könnte sich Strommäste in Form von Hirschen vorstellen, wobei das Geweih dann die Leitungen transportieren würde. Entwürfe dieser Art gibt es jedenfalls schon sehr viele — sie sind alle im Internet zu finden.
Und im Internet finden sich natürlich auch schon jede Menge Anregungen und Bilder dazu, wie ein wirklich autarker und „ökologischer“ Wolkenkratzer, der vollkommen unabhängig seine eigene, erneuerbare Energie erzeugt, funktionieren und aussehen könnte.
Auch der Begriff Zweckkunst ist nicht mehr ganz neu. Obwohl sich zur Zeit, als ich dieses Buch schrieb, nur 4060 Treffer dazu über eine gängige Suchmaschine, im Internet, finden ließen. Ich denke aber, dies wird sich ganz schnell ändern.
Windparkanlagen finde ich persönlich sehr mystisch, seit ich einmal durch die große Windparkanlage nahe Palm Springs gefahren bin. Allerdings finde ich, dass auch sie sich wahrscheinlich viel phantasievoller gestalten und in die Natur integrieren ließen, ohne dass sie dabei ihre Effizienz verlieren würden. Leider sind sie auch eine Todesfalle für viele Vögel und selbst für Fledermäuse! Jedenfalls habe ich nichts gegen die „Verspargelung“ der Landschaft. Lieber eine Windparkanlage als ein Braunkohle- oder Atomkraftwerk!
Und damit wären wir auch bei meiner Botschaft in diesem Buch. Ich finde, dass ein Autor immer auch ein realistisches Anliegen mit seinen Werken verfolgen sollte — egal wie utopisch oder abwegig der eigentliche Inhalt manchen Menschen dann auch erscheinen mag. (Das war jetzt wieder paradox — würde jedenfalls Flör behaupten!)
Ich persönlich glaube jedenfalls, dass unsere Existenz nicht mit dem Tod endet. Ich bin überzeugt, dass sich das Jenseits, im Buch als geistige Welten bezeichnet, jedem von uns so offenbaren wird, wie er es sich bewusst oder unbewusst vorstellt. Und wenn wir alle dies „einfach so“ akzeptieren könnten, bräuchten wir zumindest deshalb keine Kriege mehr führen! Denn dann könnte jeder Gläubige, nach seinem Tod, tatsächlich in die Vorstellung von Himmel oder Hölle einkehren, die seiner Religion, seiner Kultur oder seiner persönlichen Vorstellung entspricht. Auch ob er dann wiedergeboren würde oder nicht, obläge einzig und allein seiner Vorstellung oder zumindest der seines Glaubens. Und für die, die überzeugt sind, dass nach dem Tod nichts mehr kommt, wäre dies dann auch so. —Alles was wir dafür benötigen würden, wäre ein bisschen mehr Toleranz! Toleranz die letztendlich auch sicherlich dem Wohle unseres Planeten zugutekäme!
Dank gebührt jedoch auch meinen Rückführungs-Klienten, die in ihren Sitzungen so ausführlich aus dem Jenseits berichteten — und meinem Hund Øsel. Meinen Klienten deshalb, weil erst sie mich durch ihre unterschiedlichen Beschreibungen des Jenseits, auf die Idee brachten, dass dies alles trotzdem durchaus realistische Vorstellungen sein könnten, wenn man dabei beachtet, dass das Jenseits kein materieller Ort ist. Und Øsel, weil er im Alter von 15 oder 16 Jahren, so ganz genau ist sein Alter nicht bekannt, trotz schwerer Arthrose, Kurzsichtigkeit und zunehmender Herzschwäche, eines Abends noch mal die Treppe ins Obergeschoss hinaufgelaufen kam. Ganz außer Atem kam er zu mir ins Bad und sagte: Frauchen, wenn ich es in meinem Zustand noch schaffe, die Treppe hochzukommen, dann schaffst du es auch einen Bestseller zu schreiben!
Unabhängig davon, ob Ihnen mein Buch nun gefällt oder nicht, bitte ich den Leser jedoch, mir bei Amazon eine Rezension/Bewertung zu hinterlassen.
Rees, Oktober 2015 bis 31.12.2016

P.S. Das Buch wurde tatsächlich am 31. Dezember 2016 fertig, als gedrucktes Buch hätte es ca. 600 Seiten! Bis April 2017 war ich dann mit der Überarbeitung und Lektorierung beschäftigt. Danach folgte ein privater Umzug (wir wohnen jetzt in einer Windmühle) der inkl. Renovierung etc. bis Ende des Jahres dauerte. Im Januar 2018 habe ich angefangen eine Agentur für das Buch zu suchen. Leider kommt es in Deutschland mehr darauf an aus welchem Stall man kommt oder ob man die richtigen Connections oder einen einflussreichen Protegé hat als auf die Qualität dessen was man schreibt. Das klingt zynisch ist aber trotzdem wahr. Natürlich verstehe ich auch, dass besonders Verlage mit Manuskripten überhäuft werden und man deshalb Monate auf eine Antwort warten muss. Was ich aber nicht verstehe, dass eben diese Menschen, die zumindest eine der drei von mir genannten idealen Voraussetzungen erfüllen, immer bevorzugt behandelt werden. Das ist allerdings nicht nur in der Buchwelt so, sondern überall im Geschäftsleben. Mich persönlich widert dies an! Aber wie sagt man so schön? ―Ausnahmen bestätigen die Regel und auf eine solche Ausnahme hoffe ich oder ich sterbe als Narr.