So schön kann leben sein.

Es war letzte Woche, in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Ich weiß es noch ganz genau. Die Sonne schien warm und es wehte ein laues Lüftchen. Der Mais stand mindestens zwei Meter hoch und da war dieser richtig dicke Feldhase! Er saß plötzlich auf dem Weg, so als habe er nur darauf gewartet, dass ich vorbeikomme! Mit einem einzigen Satz ist er dann ins Maisfeld gesprungen — und ich wie die Teufel hinterher!

Was bin ich gerannt! Ich habe Haken geschlagen, genau wie der Hase, und ich habe mich nicht abhängen lassen! Meine Zunge hing aus dem Maul, aber ich verspürte weder Durst noch Müdigkeit. Stunde um Stunde bin ich so durch den Mais gejagt, hochkonzentriert und immer ganz dicht auf der Fährte des Hasen! Das war ein unglaublich tolles Gefühl und ich hatte den größten Spaß meines Lebens. Keine Spur mehr von Arthrose oder Niereninsuffizienz.  — Ich war so fit, wie schon lange nicht mehr. Mein Frauchen war irgendwie auch da. Doch statt zu schimpfen, wie sie es früher immer getan hat, wenn ich ausgebüxt bin, hat sie sich gefreut, weil ich so viel Spaß hatte. So schön kann leben sein.

Die letzten Wochen waren für mich nicht so gut. Schon der Weg durchs Haus in den Garten hatte zur Folge, dass ich danach total außer Atem war. Manchmal habe ich es auch trotz Arthrose-Schuhe einfach nicht mehr geschafft, mich auf den Beinen zu halten und dann haben Frauchen oder Herrchen mich wieder auf die Beine stellen müssen. Und dann dieser blöde Husten, weil in meiner Lunge plötzlich Wasser statt Luft war. Ständig war ich müde, aber richtig tief oder lange schlafen konnte ich auch nicht mehr. Am schönsten waren für mich noch die Momente morgens, mit Frauchen und Herrchen in Bett. Dann hat Frauchen mich in den Arm genommen und mit mir geknüffelt. Oder die Zeit im Garten. In letzter Zeit konnte ich dort endlos lange stehen, die Nase immer im Wind und ein wenig abkühlen. Wärme habe ich in letzter Zeit nämlich auch gar nicht mehr gut vertragen und mein Frauchen musste selbst in ihrem Büro die Heizung niedriger einstellen. Dann ist Shakira zu Besuch gekommen und mein Frauchen hat Shakira eine Strickjacke von sich geliehen. Shakira ist nämlich genauso eine Frostbeule wie mein Frauchen, aber zum Glück tragen die beiden ja dieselbe Größe.

Donnerstagabend ist dann auch noch meine nette Tierärztin zu Besuch gekommen. Wir haben uns alle ins Wohnzimmer gesetzt. Shakira war auch da und Herrchen hat uns mit Roastbeef gefüttert, während Frauchen mich auf dem Schoß hatte. Ich weiß auch noch, dass ich eine Spritze bekommen habe, aber weil ich so fixiert auf das Roastbeef war, habe ich das irgendwie nur so nebenbei mitbekommen. Und dann muss ich wohl wieder eingeschlafen sein. Jedenfalls, als ich wieder wach wurde, war plötzlich der dicke Feldhase da und die Sonne schien und ich war wieder Top-Fit.

Dies war Øsels letzter Blog. Wir haben ihn am Donnerstag, dem 23. Februar 2017 einschläfern lassen. Zweimal vorher hatte ich den Termin dazu immer wieder abgesagt. Es ist nicht einfach, den richtigen Moment zu wählen. Einerseits wollten wir ihm das bissen Lebensfreude nicht nehmen, andererseits wollten wir ihn aber auch nicht quälen, nur weil es uns schwer fiel, Øsel gehenzulassen.

Jedenfalls hat Øsel nicht gelitten und er hat auch nicht wirklich begriffen, was geschehen ist. Nachts habe ich allerdings geträumt, dass es Øsel gut geht. Wo immer er jetzt auch sein mag, es gibt dort auf jeden Fall ein riesiges Maisfeld und einen dicken Hasen, der gerne mit Øsel fangen spielt!

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